Traditionelle Europäische Heilkunde – holistische Medizin (Teil 1)

3. November 2018 von Gastautor: Renate Petra Mehrwald
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Claudius Galenos von Pergamon, genannt Galen (129-199 n. Chr.) entwickelte die Theorie, dass der Weltgeist zusammen mit der Luft eingeatmet werde, im Körper zirkulierend in Lebensgeist umgewandelt wird, um schließlich im Herzen auf den Geist des Körpers zu treffen.​

Übersicht

  • Warum wird der Mensch krank – eine Antwortsuche seit Jahrtausenden
  • Hermetische Tradition und Alchemie;
  • Das archaische Harmonieprinzip;
  • Die Viersäftelehre (Humoralpathologie);
  • Paracelsus – Magier in hermetischer Tradition und Vordenker moderner Pharmazie;
  • Homöopathie – die Kraft feinstofflicher und ätherischer Informationsfelder – Brillanz eines Ordnungs- und Heil(ig)ungssystems;
  • Klostermedizin – Heilen mit den Kräften der Natur, mit Fasten und Beten;
  • Hildegard von Bingen – Heilkundige und Mystikerin;
  • Hexen – weis(s)e Frauen und Kräuterweiblein;
  • Tradition ganzheitlichen Heilens mit Wasser, Erde, Licht und Luft Abschließend

Warum wird der Mensch krank?
Eine Antwortsuche seit Jahrtausenden

„Die Menschen sind mehr als sie es wahrhaben wollen, ein Ausdruck des Teiles der Erde, auf dem sie leben. Eine Rose des Westens sollte nicht danach trachten, so zu blühen wie der Lotus des Ostens.“ (Gareth Knight)

Sieht der Mensch sich mit Krankheit konfrontiert, sucht er einen Ausweg aus dieser Situation. Der Weg aus der Krankheit wird zum Weg zu sich selbst, zum Heilsein – oder er führt noch weiter weg von sich selbst. Krankheit hat – wie Rudolf Steiner (1861-1925), Mystiker, Weisheitslehrer und Begründer der Anthroposophie, sagte – erzieherische, formende Funktion auf dem Weg zum Erkennen, auf dem Weg der Bewusstwerdung und des Einsseins mit der natürlichen Ordnung. Die Suche nach dem Weg aus der Krankheit führt erst einmal zur Frage nach der Ursache von Krankheit und zur Frage nach dem belebenden Prinzip in der Schöpfung, nach dem, ‚was die Welt im Innersten zusammenhält’ – und damit auch den Menschen. Sie stand in allen Kulturen schon immer im Zentrum naturphilosophischer Betrachtungen und Erkenntnismodelle. Zu allen Zeiten hat sich der Mensch diese Frage gestellt, denn er ist ja nicht nur die Summe einzelner Bestandteile. Wie und wodurch findet die Steuerung aller Vorgänge im Körper statt und worin liegen Harmonie und Disharmonie begründet? Wenn Lehrbuchwissenschaften an die Grenzen ihrer geschlossenen Systeme stoßen und seelenlose Antworten geben, erinnern sich die Menschen an eigenes archaisches Wissen oder wenden sich kulturfremden Heilweisen zu, z.B. der traditionellen chinesischen Medizin, dem traditionellen Medizinsystem der Hindu (Ayurveda), oder der Geheimnis umwobenen Medizin indianischer oder sibirischer Schamanen. Doch auch die abendländische / europäische Kultur verfügt über einen Jahrtausende alten, wertvollen Schatz traditioneller Medizin und Heilmethoden.

In allem was existiert, verbirgt sich derselbe Geist, dasselbe belebende Prinzip. Jedes Heilsystem hat seine eigenen Erklärungsmuster und Heilansätze. Betrachtet man sie eingehender, erkennt man, dass man sich in Ost und West lediglich auf verschiedenen Wegen demselben Ziel nähert und dass es immer um dasselbe Prinzip geht – die Ur-Energie, den Impulsgeber für alles Seiende – die Kraft, die im Großen (Kosmos, Makrokosmos) ebenso wirkt wie im Kleinen (menschlicher Körper, Mikrokosmos). Woher sie kommt, wie und seit wann sie wirkt, ist mit vielen spekulativen Theorien verbunden. Dieses unerschöpflich scheinende, mit Gleichmaß da seiende belebende Prinzip – in der chinesischen Philosophie Qi, in der indischen Prana und im abendländischen Kulturraum Od genannt – manifestiert sich überall in irdischer und interstellarer Natur. Dieses Prinzip ist die Kraft, die ‚die Sterne am Himmel hält und den Liebenden befähigt, ‚von Luft und Liebe allein zu leben’.

In allen Kulturen gibt es die Vorstellung über eine Art Lebensprinzip, das alles beseelt und steuert. Einer der bedeutendsten Ärzte der Antike, der griechische Arzt Claudius Galenos von Pergamon, genannt Galen (129-199 n. Chr.) – er war römischer Gladiatorenarzt und Leibarzt mehrerer römischer Kaiser – entwickelte die Theorie, dass der Weltgeist zusammen mit der Luft eingeatmet werde, im Körper zirkulierend in Lebensgeist umgewandelt wird, um schließlich im Herzen auf den Geist des Körpers zu treffen.

Diese Kraft sprudelt als unermüdlicher feiner Quell und strebt beständig nach Vervollkommnung und Ausgleich. Kann aufgrund eintretender Störungen der Lebensäther im Menschen nicht ungehindert wirken, so werden die vielen Millionen Einzelaktionen in ihrem Ablauf behindert und Krankheit formt sich aus. Krankheit, Schmerzen, Fieber etc. gelten der ganzheitlichen, holistischen Heilkunde als Regulierungsbemühungen des Organismus, aber auch als Lehrmeister und gelten als Wachstumsmöglichkeit und Reifechance für die Seele.

„Keiner kann heilen, bevor nicht nach Gottes Ratschluss das Fegefeuer beendet ist.“ (Paracelsus)

Ganzheitlich orientierte Maßnahmen unterstützen diese Prozesse, indem sie das Lebensprinzip im Sinne der kosmischen Ordnung kräftigen, um die Selbstheilungskräfte zu unterstützen. So wird dem aus der Ordnung geratenen Menschen ein harmonisches Schwingen mit dem belebenden Prinzip des kosmischen Äthers wieder ermöglicht.

Hermetische Tradition und Alchemie

Ganzheitlich ausgerichtete Medizin- und Heilkonzepte sind holistisch-hermetischer Natur. Sie trennen nicht, sie schauen den ganzen Menschen in seiner Einheit von Körper, Geist und Seele an und beachten die Einbindung des Menschen in sein unmittelbares Umfeld und auch in die kosmische Ordnung – sie sehen ihn an seinem Platz im Gesamtsystem. Auch die Gesetzmäßigkeiten des Wandels werden angeschaut und berücksichtigt – denn, alles hat seine Zeit. Im Wechsel der Jahreszeiten, im Wechsel der Lebenszeiten und Tageszeiten, im Wechsel von Auf und Ab finden sich das rechte Lebensmaß und der Sinn von Entstehen und Vergehen. „Wie oben so unten“ – die Grundaussage der Hermetischen Gesetze, verschlüsselt dargestellt in der „Tabula Smaragdina“ – beschreibt die Gesetze kosmischer Ordnung und die Durchdringung und Spiegelung alles Seienden (Holistisches Prinzip) durch dasselbe geistige Prinzip. Die Hermetischen Mysterien sind Weisheitslehre und praktischer Erkenntnisleitfaden, sie lehren die Einheit von und in Allem: Gott und Mensch, Höheres und Niederes, Makrokosmos und Mikrokosmos. Die „Tabula Smaragdina“ wird dem großen Lehrmeister und Eingeweihten Hermes Trismegistos (ca. 3000 v.Chr.) zugeschrieben und ist eine der tiefgründigsten und bedeutendsten überlieferten Schriften, welche in verschlüsselter Form die Summe aller irdischen und kosmischen Weisheit enthält. Sie gilt als Quellwerk für später sich entwickelnde Mystikertraditionen, z.B. der Rosenkreuzer, und ist Grundlagenwerk abendländischer naturphilosophischer Erkenntnismodelle und Konzept für körperliches, geistiges und seelisches Heilsein. Sie ist Schlüssel für ganzheitliches Denken und Handeln und Schlüssel zur Selbsterkenntnis („Mensch, erkenne dich selbst.“). Die hermetische Weisheitslehre ist Grundlage und Wegweiser westlicher Mysterientradition (Kybalion). Sie umreißt die Lehre von Entsprechungen und Signaturen, die den allgegenwärtigen Schöpfergeist reflektieren und Zusammenspiel und perfekte Harmonie offenbaren.

Größtmögliche Ausformung erfährt sie in der hohen Kunst der Alchimie, in der Tradition von Geheimwissenschaften und in Symbollehren. Zentrale Aufgabe alchimistischer Praxis ist das ‚Opus magnum’, das sog. ‚Große Werk’, womit die Wandlungsprozesse im Kleinen und im Großen, das Streben vom Niederen zum Höheren, Vervollkommnungs- und Klärungsbemühungen alles Seienden gemeint sind. Die allegorische Suche nach dem Stein des Weisen endet für den beherzten Alchimisten und für jeden Suchenden nach einem langen Ritt auf dem feurigen Löwen – während der schmerzvollen Meisterung seines Egos, seiner Emotionen und Begierden – in der Auferstehung als strahlender Phönix aus der Verbrennungsasche seiner alten Strukturen. Die Verbrennung alles Alten, Niederen und Unvollkommenen, die Meisterung seines unzulänglichen alten Selbst haben ihn den Geist des Göttlichen schauen lassen und ihn in den Besitz des Steines der Weisen gebracht. Die Arbeit auf den inneren Ebenen mit dem Ziel Strukturen zu wandeln, setzt Geduld, Übung, Disziplin, harte Arbeit und eine inspirierte Geisteshaltung voraus, um ein ausgeglichenes und vollkommenes Werk zu schöpfen. Auch muss das Werk zum richtigen Zeitpunkt geschehen (Kairos) und jede Phase braucht seine Zeit. Ein zu eifrig vollzogenes Werk bringt Rückschläge und nicht selten Leid. Ein bedeutender Alchimist und Magier, Arzt und Forscher seiner Zeit war Paracelsus (1493-1541).

Die Kunst, Wissen in Weisheit zu wandeln und diese im Alltag im Sinne des alles durchdringenden Schöpfungsprinzips umzusetzen, verfertigt sich im Laufe eines Lebensalters – mal früher mal später, mal wenig, mal in hoher Vollendung. Fragen wie: „Warum lässt Gott das zu?“ oder „Wo war Gott in diesem Moment?“ erübrigen sich für den, der die Präzision der kosmischen Abläufe erkannt hat. Gott antwortet schweigend durch seine Gesetze.

Fortsetzung folgt…

Wir danken der Autorin für das Recht der Veröffentlichung.

© Renate Petra Mehrwald
Historikerin
Mediendokumentarin
freie Publizistin
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