Traditionelle Europäische Heilkunde – holistische Medizin (Teil 2)

8. November 2018 von Gastautor: Renate Petra Mehrwald
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Das archaische Harmonieprinzip

Das Krankheitsbild der Vorzeit wurde geprägt durch das archaische Glaubensprinzip, dass die Götter denjenigen mit Krankheit und Verderbnis strafen, der gegen die Gesetze der Schöpfung verstößt und wider die Natur lebt. Diese zeitlose Weisheit (Verstoß gegen natürliche Ordnungsprinzipien bringt Disharmonie im Kleinen und Großen) findet sich auch in der Tradition der nordischen Völker, wie bspw. der Kelten oder Germanen, die in tiefer religiöser Verbundenheit und Verehrung ihrer Götter und der von ihnen geschaffenen Natur lebten. Sie kannten naturgesetzliche Phänomene und nutzten sie bewusst. Sie legten bspw. Energielinien (Leylinien) innerhalb des natürlichen Globalgitternetzes an und schufen mit Hilfe von Externsteinen Energiepole, um Schwingungen zu halten oder zu verstärken und auch, um Kraftorte zu schaffen (Thingstätten etc.) an denen man Recht sprach oder kultische Handlungen vornahm (megalithische Steinkreise in Stonehenge, Hügelgräber). Im Bewusstsein der Menschen war zu jeder Zeit das Wissen um eine besondere „Energie“, eine ganz besondere Kraft oder Schwingung präsent, die sich als kosmische Energie, Lebensenergie, Formenenergie in feinstofflichen Energiefeldern ausdrückt. Diese unsichtbaren ätherischen Kraftflüsse wurden mit Hilfe von ‚Energiesammlern’ wie Externsteinen (z.B. in Carnac) bewusst eingefangen und gezielt genutzt, weil man um deren belebende Kraft und ausströmende Harmonie wusste. An eben solchen Energiepunkten wurden im Europa des 12. und 13. Jahrhunderts, insbesondere in Frankreich, die gotischen Kathedralen errichtet, einzigartige Werke spiritueller Baukunst, deren Baumeister und Inspiratoren Eingeweihte des Templerordens waren, die ihr Wissen aus tradierten Quellen heiliger Geometrie, Symbol- und Formenlehre hatten. Das geheime Wissen um die heilige Geometrie wurde als Schlüssel erkannt, um irdisches Werk in Harmonie und Perfektion mit dem Geist der Schöpfung zu vereinen. Das wohl bekannteste Werk sakraler Baukunst jener Epoche in Europa und ein außergewöhnlicher Kraftort ist die Kathedrale von Chartres.

„Wenn sich Kultur in der Vergeistigung des Stoffes zeigt, in der Kunst, allzeit vorhandene Materie zu beseelen, Gestaltungen zu bilden, die etwas Tieferes im Menschen anrühren und etwas in ihm zum Klingen bringen, das ihn über den Alltag hinaushebt, ihn wieder aufrichtet und ihm das Gefühl gibt, als Mensch doch mehr zu sein als ein sprachbegabtes Tier, dann ist es echte Kultur.“
(Karl Walker)

Die Viersäftelehre (Humoralpathologie)

Diese ausgeprägte archaische Tradition, das Bewusstsein um das Einssein und die darin eingebundene Betrachtungsweise von Gesundheit und Krankheit wurde zwischen 600 und 500 v. Chr. durch neue erkenntnistheoretische Ansätze abgelöst. In den antiken Hochkulturen formte sich auf Grundlage der Vierelementelehre – wonach die vier Elemente Wasser, Erde, Feuer und Luft die stofflichen Grundlagen der physischen Welt bilden – ein neues wissenschaftlich ausgerichtetes Krankheitsbild. Aufbauend auf der Elementelehre, die in erster Ausformulierung dem Griechen Empedokles von Akragas (490-430 v. Chr.) zugeschrieben wird, entwickelte sich die Viersäftelehre (Humoralpathologie). Sie fand Erwähnung im „Corpus Hippocraticum“ – einer Werkesammlung vermutlich verschiedener Autoren seiner Zeit, die das gesamte medizinische Wissen zwischen 450 und 350 v. Chr. wiedergibt. Hippokrates (ca. 460-375 v. Chr.) gilt neben Galen und Avicenna als einer der Väter abendländischer, europäischer Medizintradition. Im Mittelpunkt seiner Arbeit als Arzt und Forscher standen die Selbstheilungskräfte des Kranken und das Erzielen von Harmonie und Ausgeglichenheit aller Kräfte und Säfte. Er lehrte Medizin als Erfahrungswissenschaft.

Die Viersäftelehre besagt, dass ein Mensch sich in der Ordnung der Natur befindet und gesund ist, wenn sich seine Körpersäfte in Ausgewogenheit und Harmonie (Eukrasie) befinden, wobei zu berücksichtigen sei, dass jeder Körper seine ganz eigenen Parameter für Harmonie und Gesundheit entwickelt. Wird die Harmonie gestört und es entsteht ein Ungleichgewicht (Dyskrasie) zwischen den Körpersäften, so können sich Krankheiten ausbilden. In der Humoralpathologie werden zudem jedem Menschen, entsprechend seiner individuellen Säftekonstellation, ganz eigene Temperamente zugeordnet (z.B. Choleriker bei überschüssiger gelber Galle) ebenso eine eigene Physis und Konstitution, die ihn für bestimmte Krankheiten oder Störungen besonders anfällig machen. Aufgabe des Arztes ist es, durch Stärkung der Lebensenergie die Selbstheilungskräfte im Menschen anzuregen, um eine gute Ausbalancierung der Kräfte zu erzielen.
So auch die Erkenntnis von Hippokrates: „Behandelt werden muss der Patient und nicht die Krankheit“. Abhilfe und Regulans bei verunreinigten oder fehlerhaft vermischten Körpersäften sind auch heute noch verschiedene traditionelle Ausleitungsverfahren wie Aderlass, Blutegeltherapie, Schröpfen, Schwitzkuren, Bäder, Fasten u.a..
Das Reinhalten der Säfte war den Ärzten heilig, deswegen stand im Zentrum jeden Heilkonzeptes die Ernährungslehre.

„Eure Nahrung soll eure Medizin sein.“ (Hippokrates)

Die Viersäftelehre wurde um ca. 400 v. Chr. ausführlich von dem Hippokrates-Schüler Polybos in „Über die Natur des Menschen“ beschrieben. Ergänzungen erfolgten später durch den Arzt Galen, dessen Ausarbeitungen und Systematisierungen zur Humoralpathologie prägend für die europäische Medizin wurden. Der griechische Philosoph Aristoteles (384 v. Chr. – 322) – einer der einflussreichsten Persönlichkeiten abendländischer Geistesgeschichte – differenzierte die Vierelementelehre weiter aus und führte alle Elemente auf eine gemeinsame Urmaterie, die ‚prima materia’, zurück. Seiner Erkenntnis nach verbindet sich die ‚prima materia’ mit den vier Qualitäten Hitze, Kälte, Trockenheit, Feuchtigkeit und schafft so die vier Elemente. Aristoteles erkannte auch ein fünftes Element, die feinstoffliche Quintessenz, die seiner Auffassung nach nicht im irdischen Bereich, sondern nur im ‚oberen göttlichen Feuerhimmel’ zu finden sei.

Nach der Teilung des Römischen Reiches (395) formte sich aus der Tradition der antiken Heilkunde im byzantinischen, östlichen Teil die griechisch-arabische Medizin, während im westlichen Teil der Überlieferung zufolge Völkerwanderungen, Pest und Seuchen die Zeit prägten. Der berühmte persische Arzt, Metaphysiker und Philosoph Ibn Sina, genannt Avicenna (980-1037), beschrieb in seinem bis ins 17. Jahrhundert hinein als medizinisches Hauptwerk geltenden Kompendium „Canon medicinae“ das umfangreiche medizinische Wissen des Abendlandes, u.a. auch die Viersäftelehre. Die medizinischen Hauptwerke von Hippokrates, Dioskurides, Galen und Avicenna bildeten die Grundlage akademischer Medizinlehre an den Medizinschulen von Salerno und Toledo und an den sich mit dem ausgehenden 11. Jahrhundert gründenden Kathedralschulen, den Vorläufern der späteren Universitäten in Europa. Die Europäische Medizin hat ihre Wurzeln sowohl in der ägyptisch-griechisch-römischen Tradition wie auch in der babylonisch-assyrischen Kultur. Ursprung für alles war jedoch die Zarathustrische universale Weisheitslehre.

Paracelsus – Magier in Hermetischer Tradition und Vordenker moderner Pharmazie

Entgegen der damals gültigen Lehre von der Humoralpathologie sah Philippus Aureolus Theophrastus Bombastus von Hohenheim, der sich selber Paracelsus (1493-1541) nannte, die Ursache von Krankheit nicht ausschließlich in einem Ungleichgewicht der vier Körpersäfte. Er wusste, dass der Mensch nicht nur einen physischen Körper hatte, sondern auch einen feinstofflichen. Die Lebenskraft (Qi, Prana, Od) benannte er als „Archeus“ und verstand sie als eine lebendige geistige und schöpferische Kraft, derer sich der Mensch kreativ bedienen könne, sowohl bei der ‚Herstellung’ von Krankheit als auch bei der Wiederherstellung von Gesundheit. Als Parameter bezog er auch äußere Umstände mit ein, wie die Astrologie und die Harmonie des Menschen mit seiner Umwelt und seinen Geburtsplaneten. Mit Hilfe alchimistischer Praktiken (Alchimie ist inspirierte Chemie) forschte er unter anderem daran, wie Wirkstoffe aus Pflanzen und Mineralien zu isolieren seien, was erst ca. 200 Jahre später gelingen sollte und den Beginn der pharmazeutischen Industrie markierte. Er war ein genialer Arzt, ein alchimistischer Heiler alter magischer Schule, ein Universalgenie mit Sehergabe und eine unangepasste Persönlichkeit in seiner Zeit. Paracelsus entschied sich, die akademisch gelehrte seelenlose Medizin, die das schöpferische Prinzip ausgrenzte, nicht auszuüben und auf ausgedehnten Wanderschaften durch ganz Europa, England, Russland und Skandinavien die Volksheilkunde und Hexenmedizin zu erlernen. Er beschäftigte sich mit Geheimwissenschaften, studierte die Astrologie und die Alchimie schon als junger Mensch.

„Die Dosis macht es, dass ein Ding kein Gift sey.“ (Paracelsus)

Paracelsus orientierte sich, wie später auch Hahnemann, an der Signaturenlehre, die auf dem uralten Wissen von Gleichheitsmagie fußt. Er vertrat fest die Ansicht, dass das, was einen Menschen krank macht, ihn auch heilen könne. Er befasste sich mit der Analogie- und Signaturenlehre, die besagt, dass Pflanzen, Tiere, Mineralien etc. durch ihr Äußeres und ihre Eigenschaften Hinweise darauf geben, welche Symptome sie auslösen können und welche Krankheiten sie demzufolge heilen können. Unter Beachtung der Formenenergie, Energieflüsse und der feinstofflichen Inhalte kann durch „Felderaustausch“ Heilung geschehen. Als ganzheitliche Lehre, die uns in einzigartiger Weise die kosmische Harmonie und die Weisheit der Schöpfung vor Augen führt, umfasst die Entsprechungslehre alles Seiende, bspw. Astrologie, Mythologie, Farbenlehre und die Lehre von den Elementen. Menschlichen Körperbereichen werden bspw. Sternbilder zugeordnet (z.B. Schultern/Arme/Hände – Zwilling; Füße/Zehen – Fische) und einzelnen Organen bestimmte Planeten mit deren Eigenschaften und den Planeten zugehörig sind bestimmte Metallarten (z.B. Herz, Sonne, Gold/ Gehirn, Mond, Silber).

Paracelsus vermutete die Ursachen für Krankheit in den Gestirnen, lt. Überlieferung ist in seinen Werken zu finden, dass „jede Krankheit im Gestirn beginnt, und vom Gestirn dringt sie hernach in den Menschen. Das heißt also, womit der Himmel vorangeht, das beginnt sich im Menschen zu vollenden“. Disharmonien mit den Planetenkräften bewirken seiner Erkenntnis nach eine krank machende „Unverträglichkeit“ der ätherischen Felder zueinander, was Leiden in Körpern, Geist und Seelen bringt. In Bezug auf eine die Gesundheit förderliche Ernährung verwies Paracelsus immer wieder auf die Bedeutung der einheimischen Flora und Fauna und dass alles, was der Mensch braucht, die weise Schöpfung vor seiner Haustür wachsen lässt. Neben der Beachtung der Ausgewogenheit in der Ernährung, die auch er – wie andere vor ihm – immer wieder betonte, lenkte er sein Augenmerk speziell auch auf die alte Weisheit, dass Bitteres gesund sei. Er kreierte das „Elixier ad longam vitam“ (Elixier für ein langes Leben) – das in der Hauptsache aus bitteren Pflanzenbestandteilen von Aloe, Myrrhe und Safran bestand. Paracelsus war der radikalen Ansicht, dass alles, was in den Körper reinkommt, grundsätzlich Gift sei, weshalb die Dosis bei allem so entscheidend sei.

Mystiker und Eingeweihte wie die benediktinische Äbtissin Hildegard von Bingen, Paracelsus und der Dominikanermönch Meister Eckhart (1260-1328) wussten, dass die Alchimie – in ihrer eigentlichen Suche nach dem Stein der Weisen – einen Weg zur Heilung/Heiligung darstellt. Das ‚Opus magnum’ (das Große Werk), ist geeignet, dem Menschen die verlorene Gesundheit wiederzugeben, ihn in die All-Einheit zurück zu führen. Im Erkennen und Anwenden der Botschaften der Natur und im Bewusstsein des zuverlässigen Wirkens der Gesetzesanalogie schöpferischer Intelligenz kann jedes Leben in die Harmonie gelangen.

Fortsetzung folgt…

Wir danken der Autorin für das Recht der Veröffentlichung.

© Renate Petra Mehrwald
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Renate Petra Mehrwald // naturintelligenz.de 2018