Stalin als Feldherr: Fehler und Verbrechen

26. April 2014 von Michael Friedrich Vogt
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Dipl.-Philosoph Peter Feist im Gespräch mit Michael Friedrich Vogt mit anschließendem Vortrag von Dipl.-Philosoph Peter Feist. Noch zu DDR-Zeiten bezog Peter Feist bei der Frage nach der Rolle Stalins im „Großen Vaterländischen Krieg“ eine unmißverständlich antistalinistische Position. Das war vor 1989 in Mitteldeutschland eine sehr mutige Tat.

 

 

Und seine historische Analyse läßt keinen Zweifel aufkommen, wenn er schreibt: „Immer, wenn sich der 8. Mai jährt, wird dieser Tag von Linken und Sozialisten als eine welthistorische Befreiungstat gewürdigt werden. Und wie jedes Jahr wird sich ein Mißklang einschleichen, den wir den „Alt-Gläubigen“ zu verdanken haben: sie werden J.W. Stalin als den Sieger über den Faschismus feiern.

Es ist bekanntlich ihre letzte „Rückzugslinie“: die Morde und Repressalien gegen die eigenen Genossen und das eigene Volk, die Vertreibung „mißliebiger“ Völkerschaften und die vielen anderen Verbrechen des „Großen Führers“ zu leugnen oder reinzuwaschen, das tun nur noch die hartleibigsten unter ihnen. Für die meisten gilt allerdings immer noch, „Wo gehobelt wird, da fallen Späne“ und angesichts der welthistorischen Befreiungstat solle man nicht so zimperlich sein. So heißt es dann immer wieder: Er hat den Krieg gewonnen, keiner außer ihm hätte die SU retten können und im Vergleich dazu sind die anderen Sachen zwar nicht zu rechtfertigen, aber doch irgendwie aus der Zeit heraus zu verstehen usw., usw., usw..

So widerlich, weil inhuman, diese ständige Arie deucht, so muß man ihr doch auch sachlich in zweierlei Hinsicht immer wieder aufs Schärfste entgegentreten.

1. Es widerspricht dem historischen Materialismus Ein welthistorisches Ereignis, wie den Sieg der Anti-Hitler-Koalition über den Faschismus aus dem „genialen Wirken“ eines großen Mannes zu erklären, widerspricht dem historischen Materialismus. Die geschichtsbildende Kraft sind nach diesem Verständnis die Volksmassen mit ihrer das Gesellschaftsganze ständig reproduzierenden Kraft (die tagtäglich-ständig wirkt) und ihrer Fähigkeit zur entscheidenden geschichtsverändernden Tat (die nur in jenen Sekunden der Weltgeschichte aufblitzt, die wir als Revolutionen bezeichnen). Die „Führer“ der Massen hingegen sind Gestalten, die diesem Willen des Volkes im gegebenen geschichtlichen Augenblick mehr oder weniger gut Ausdruck zu geben verstehen. Das heißt auch, sie sind vollständig abhängig vom historisch konkreten Niveau des Handelns dieser Volksmassen, sie sind nichts weiter als ihr Exponent, auch wenn sie den Verlauf bestimmter einzelner Ereignisse beeinflussen können. Anders gesagt bestimmen die Volksmassen den Inhalt der Bewegung, die Führer manchmal die Form dieser. Insofern hat in jedem Fall das sowjetische Volk über den Faschismus gesiegt (mit jener spezifischen Qualität gesellschaftlichen Handelns, für das sich in der SU der Begriff „Massenheroismus“ eingebürgert hatte) und Stalin konnte dabei unterstützend oder hemmend, aber niemals allein und entscheidend, wirken.

2. Die Taten des „großen Generalissimus“ sind eine Legende Die militärhistorischen Tatsachen sprechen eine deutliche Sprache: die vielen Fehler, verbrecherischen Entscheidungen und Dummheiten Stalins hätten im Herbst 1941/Frühjahr 1942 beinahe zum vollständigen militärischen Zusammenbruch der Sowjetunion geführt und ihr Überleben hing mehrfach am seidenen Faden, den andere, nicht Stalin, wieder zu einem dicken Strick gedreht haben.

Wenn es überhaupt ein direktes persönliches Verdienst von ihm gibt, dann besteht es darin, das er ab Sommer 1942 zunehmend seinen Marschällen die Führung der Kämpfe überlassen hat und sich immer weniger in die operativen Entscheidungen einmischte. Außerdem hat er unwidersprochen gewisse Verdienste bei der Umwandlung der Sowjetgesellschaft in ein „großes Militärlager“ (Lenin), insbesondere bei der Evakuierung der Betriebe der Verteidigungsindustrie in den Osten, was die Voraussetzung für die gigantischen Produktionsleistungen der sowjetischen Werktätigen war, die überhaupt erst den Sieg über der Faschismus in materieller Hinsicht ermöglichten.

Im Jahr 1937 wurde der begabteste Heerführer der Roten Armee, Marschall Tuchatschewski, verhaftet, kurz darauf mit anderen hingerichtet und im nachhinein von einem Tribunal wegen angeblichen Verrats an der Sowjetunion zu Gunsten Hitlerdeutschlands zum Tode verurteilt. Danach wurde in einer grausamen Säuberungswelle die große Mehrzahl der höheren und mittleren Kommandeurskader der Roten Armee ermordet oder in die Verbannung geschickt. Im Einzelnen: In den Jahren 1937/38 wurden 20-35.000 Offiziere der Roten Armee liquidiert (ca. 50% des Bestandes), besonders im höchsten und hohen Offizierskorps waren die größten Verluste zu beklagen: 3 von 5 Marschällen, 13 von 15 Armeeoberbefehlshabern, 57 von 85 Korpskommandeuren, 110 von 195 Divisionskommandeuren, 220 von 406 Brigadekommandeuren oder anders gesagt 90% aller Generale, 80% aller Obristen. Das heißt: Vier Jahre vor dem Krieg stand die Rote Armee fast ohne akademisch gebildete und kriegserfahrene Kommandeure da, ein Sieg vor dem Krieg, den Stalin Hitler geschenkt hatte

Die größte Kesselschlacht der ersten Periode des deutsch-russischen Krieges ist die von Kiew, etwas das heute fast vergessen ist. Es gelang der Wehrmacht hier fünf sowjetische Armeen ganz oder teilweise einzukesseln und aufzureiben (zum Vergleich: in Stalingrad war eine Armee mit ca. 130.000 Mann im Kessel). Eine gesamte sowjetische Front (Heeresgruppe) war geschlagen, mehr als 600.000 Mann gerieten in Gefangenschaft, mehr als 3.700 Geschütze und 800 Panzer wurden erbeutet oder vernichtet, praktisch brach die gesamte Südfront der SU zusammen. Diese Katastrophe hatte sich über mehrere Wochen angekündigt, der Chef des Generalstabes Shukow verlangte mehrfach vom Oberbefehlshaber Stalin, Kiew aufzugeben, um die Südfront vor der Einkreisung zu bewahren – vergeblich. Als der Mahner lästig wurde, setzte Stalin mitten im Krieg seinen Generalstabschef ab, verlangte weiterhin starrsinnig die Verteidigung Kiews und ermöglichte so Guderian und anderen ihren größten Sieg im 2. Weltkrieg.

Deutscher Wehrmachtssoldat bei der Schlacht um Stalingrad mit einer russischen MPi (Bild: Bundesarchiv, Bild 116-168-618 / CC-BY-SA)

Man könnte das fortsetzen mit der Frage, wer am Scheitern der Winteroffensive 1942 schuld war und weiteren Fragen, es käme immer dasselbe raus: in allen Punkten ist Stalin allein (!!!) schuldig, denn er handelte selbstherrlich gegen den Rat der militärischen Profis, der Genossen an der unsichtbaren Front, die unter Einsatz ihres Lebens die richtigen Informationen beschafft hatten und vieler anderer. Nein, nicht Stalin hat den Krieg gewonnen, sondern die Völker der Sowjetunion, trotz dem kläglichen Versagen ihres Staatsoberhauptes in militärischen Fragen. Die mindestens 20 Millionen sowjetischer Opfer waren der Preis für den Sieg, ein Preis der ohne die Verbrechen und Fehler Stalins nicht so hoch gewesen wäre.

Websites: www.compact-magazin.com

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