Von verhafteten Edelmenschen und totgefahrenen Unwichtigmenschen – Tagesschau in Deutschland, ein Sittengemälde

2. März 2017 von Niki Vogt
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03. März 2017 (Kommentar von Niki Vogt, Bildquelle und Lizenz: Metropolico (CC BY-SA 2.0)/flickr) Die Tagesschau ist in den meisten deutschen Haushalten immer noch ein MUSS, auch wenn schon sehr viele Bürger den Inhalten nicht mehr so wirklich trauen. Interessant ist die Reihenfolge der Meldungen. Die weltweit wichtigsten Nachrichten zuerst, sozusagen die „Aufreger“. Dann kommt in absteigender Prioritätsliste bis hinter zum Wetter alles schön nach Relevanz geordnet. Kurz vor dem Wetter erfährt man das „Vermischte“, was unter „ferner liefen“ und als nicht besonders wichtig einsortiert wird.

So auch in der Tagesschau am Dienstag, den 28. Februar 2017. Die Tagesschau, Flaggschiff der ARD-Nachrichtenkultur, das öffentlich-rechtliche Programm, zwangsfinanziert von den Bürgern, denn es hat den Auftrag, qualitativ, ausgewogen und objektiv den Bürgern die wichtigen Geschehnisse des Tages in gebührender Reihenfolge zu vermitteln. Das waren am Dienstagabend:

  1. Kritik am Vorgehen der türkischen Behörden im Fall Yücel, Wachsender Druck auf Journalisten in der Türkei,
  2. Moscheeverein „Fussilet 33“ verboten,
  3. Übergriffe auf jüdische Einrichtungen in den USA,
  4. Athen verhandelt erneut mit Geldgebern,
  5. EU-Zölle für Solarmodule aus China,
  6. AOK veröffentlicht Krankenhausreport,
  7. Mann überfährt auf Flucht zwei Polizisten,
  8. SpaceX-Projekt will zwei Touristen ins All bringen,
  9. Tanz der Marktfrauen in München,
  10. Das Wetter

Der Fall Deniz Yücel: Platz eins und eine Kurzreportage von fast fünf Minuten Genau vier Minuten und 51 Sekunden berichtet die Tagesschau auf Platz eins über den Fall Deniz Yücel. Empörung und Betroffenheit darüber, daß ein Journalist der „Welt“ in der Türkei verhaftet wird. Ein verabscheuungswürdiger Vorgang. Große Anteilnahme am Geschick dieses Mannes wird zum Ausdruck gebracht. Verschiedene Menschen zeigen ihre Empörung, kommen vor der Kamera zu Wort, verurteilen das Handeln der Regierung auf’s Schärfste, zeigen Empathie und große Solidarität, tief empfundenes Mitgefühl für den Inhaftierten. Sogar die türkisch-deutschen Beziehungen werden – laut Außenminister Gabriel – von einer solchen Untat einer schweren Belastungsprobe ausgesetzt. Der Chefredakteur der „Welt“, Ulf Poschardt, reagiert „entsetzt“ und „fassungslos“ auf die Inhaftierung Yücels. In mehreren deutschen Städten gab es Autokorsos aus Solidarität mit Deniz Yücel. Ganzseitige Zeitungsannoncen fordern seine sofortige Freilassung. Über dreihundert Künstler, Politiker und Journalisten unterschrieben diese Anzeige.

Zeitung Yücel Freilassung

Oben: Ganzseitige Anzeige: Freiheit für Deniz! (Screenshot Tagesschau vom 28. Februar 2017)

Zeitung Yücel Meinungsfreiheit

Das Recht auf Meinungsfreiheit nach Artikel 19 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Selbstverständlich haben die Medien Recht, diesen Artikel zu zitieren und seine Beachtung für Deniz Yücel einzufordern. Selbstverständlich bewundern und unterstützen wir den mutigen Einsatz der Zeitung für das Menschenrecht, „Meinungen ungehindert anzuhängen sowie über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten“. Unzweifelhaft wird diese Zeitung genauso große, ganzsseitige Anzeigen zur Verteidigung der Meinungsfreiheit verbreiten, wenn unliebsame Parteien daran gehindert werden, einen Kongreßsaal zu buchen oder jemand wegen einer politisch inkorrekten Äußerung auf seinem Facebook-Account Repressalien bis zur Existenzvernichtung erdulden muß.

Wie wir aus dem Bericht erfahren, könnte Deniz Yügel im schlimmsten Fall eine Haftstrafe von fünf Jahren drohen. Er sitzt den ersten Tag in Untersuchungshaft. Der Sprecher verabsäumt nicht, den Zuschauern die Unannehmlichkeiten dieser „einfach ausgestatteten Haftanstalt“ zu schildern: Es gibt nur große Zellen, in denen sich bis zu 20 Inhaftierte aufhalten können. Vor dem Gefängnis warten Angehörige. Sie weinen, denn ihre Hoffnung, Yücel könnte doch noch entlassen werden, haben sich zerschlagen. Die Kamera filmt ihre Gesichter nah. Man sieht die Tränen in ihren Augen, den Schmerz und die Enttäuschung und die Sorge um ihren Freund oder Verwandten hautnah. Man empfindet Mitleid.

Es wird angemerkt, daß kaum irgendwelche Zeitungen in der Türkei von der Verhaftung berichten. Die Wortwahl suggeriert, daß dies ein Teil der Meinungsunterdrückung der Türkei sei. Daß die Medien solche Nachrichten, die die Regierung Erdogan nicht sehen möchte, auch nicht veröffentlichen. Das erweckt den Eindruck, als sei allein das schon ein Beleg für die Diktatorenschaft Erdogans. Eine Parallele zum deutschen Berichterstattungs-Blackout bei unerwünschten Themen wird nicht gezogen. Eine nächtliche Fahrt-Aufnahme entlang der der Haftanstalt, in der Yücel einsitzt, schließt den Bericht ab. Der Sprecher läßt den Bericht mit dem besorgten Satz ausklingen: „Deniz Yücel steht vor seiner zweiten Nacht im Gefängnis Metris. Wie das Verfahren für ihn weitergeht ist unklar.“

Platz sieben: 21 Sekunden für zwei getötete Polizisten Auf Platz sieben der Tagessschau, unter „ferner liefen“, wird 21 Sekunden lang darüber berichtet, daß zwei deutsche Polizisten von einem Kriminellen auf der Flucht überfahren worden sind und noch am Unfallort starben. Sehr nüchtern, sehr sachlich, keinerlei Anteilnahme, kein Wort, ob die beiden Todesopfer Frauen und Kinder hinterlassen. Beide hinterlassen jeweils eine Frau und drei Kinder. Einundzwanzig Sekunden für zwei Männer, die in Ausübung ihrer Pflicht für die Allgemeinheit ihr Leben gelassen haben. Platz Sieben von Neun. Knapp vor der abstrus-dekadenten Idee, zwei abenteuerlustige Millionäre für Unsummen um den Mond herumzukutschen und dem Bericht vom Karnevalstanz der Münchner Marktfrauen.

Es gibt keine Autokorsos, nicht einmal in der nächstliegenden Ortschaft. Es gibt keine Fotos der getöteten Polizisten, keine anteilnehmenden Worte, die aus den beiden Männern Menschen machen, die geliebt werden – genauso wie Deniz Yücel. Deren Tod eine schreckliche Lücke in ihren Familien- und Freundeskreise reißt. Es gibt keine ganzseitigen Anzeigen mit dreihundert Unterschriften tief betroffener Menschen. Kein Wort der Anteilnahme, kein Wort des Entsetzens, der Fassungslosigkeit, nichts. Einundzwanzig Sekunden, die einfach nur mit den vor Ort aufgenommenen Bildern am Tatort unterlegt sind. Niemand hat – wie bei Yücel – eine kleine Reportage zusammengeschnitten, Politiker gefragt oder die Kollegen und Kolleginnen der Getöteten. Niemand verschwendet einen Gedanken daran, was eigentlich die Gefahren des Polizeiberufes den Männern und Frauen abverlangt. Keiner der Vorgesetzten wird vor die Kamera gebeten, um sich zu äußern, wie oft man sich Sorgen um die Kollegen macht, die einen höchst gefährlichen Beruf zum Schutz der Bürger ausüben – wie es der Chefredateur der Welt mit seiner Besorgnis um Deniz Yücel tun konnte. Kein Politiker stellt sich vor die Kamera und spricht die unglaublich schwierige Situation an, in der sich unsere Polizei seit über einem Jahr befindet. Wo ist Bundesinnenminister Dr. Thomas de Maizière? Oder zumindest der Innenminister des Landes Brandenburg, Karl-Heinz Schröter? Ist er nicht betroffen und fassungslos? Immerhin sind zwei Männer gestorben. Nicht nur in Untersuchungshaft sitzend. Wir wissen es nicht. Der Innenminister von Brandenburg wird nicht dazu befragt.

Karl-Heinz Schröter wohnt der Gedenkfeier am 01. März in Beeskow bei und hält dort eine Rede. Aus Solidarität und Verbundenheit mit der Brandenburger Polizei fahren seit dem 1. März viele Streifenwagen in ganz Deutschland mit Trauerflor. Die Senatsinnenverwaltung ordnete in Berlin zum Zeichen der Trauer an, die Fahnen auf Halbmast zu setzen. Die Bevölkerung nimmt großen Anteil an der Tragödie in Brandenburg: Seit der Mordtat an der hilflosen, alten Großmutter des Kriminellen und den zwei Polizeibeamten verzeichnete die Facebook-Seite der Polizei Brandenburg über eine Million Zugriffe. Der Martin-Heinze-Fonds richtete ein Spendenkonto zur Unterstützung der Hinterbliebenen der beiden Opfer ein. Der Fonds ist nach dem ersten Polizeibeamten des Landes benannt, der 1995 in Potsdam im Dienst getötet wurde. Innenminister Schröter ist Schirmherr des Martin-Heinze-Fonds.

Doch das Thema der zwei getöteten Polizisten wird in der Tagesschau vom 01. März überhaupt nicht mehr erwähnt. Einundzwanzig Sekunden für den Tod zweier Polizisten und einer alten Frau reichen.

Die Tagesschau steht hier nur stellvertretend für die Mainstreammedien. Die Berichterstattung läuft überall ähnlich. Nur in den Regionalen Ausgaben wird auch Anteilnahme an dem Schicksal der Polizisten und deren Angehörigen spürbar, insbesondere in den Leserkommentaren darunter.

Nun könnte man sagen, daß eine objektive und sachliche Berichterstattung ohne Anteilnahme, Wertung und Emotionen arbeiten müsse. Die persönliche und menschliche Dimension des Falles der beiden getöteten Polizeibeamten bei Müllrose habe in den Nachrichten nichts zu suchen. Akzeptiert. Warum aber erhält gerade die emotionale, Anteilnahme erheischende, Empörung schürende Berichterstattung über den Fall Yücel dann so breiten Raum in den Nachrichten und allen Mainstreammedien? Wer ist dieser Deniz Yücel? Warum verdient er unseren Beistand und unsere Solidarität in so außergewöhnlichem Maße? Es sollen Hunderte Journalisten in der Türkei inhaftiert worden sein. Warum muß den deutschen Bürgern die bis dahin eintägige Untersuchungshaft dieses Mannes so emotional nahegebracht werden?

Deniz Yücel – untadeliger Vorzeigejournalist? Sogar unsere geliebte Kanzlerin, Frau Dr. Angela Dorothea Merkel hat sich bereits in den Fall eingeschaltet.

Deniz Yücel war bis vor ganz kurzem nur den Wenigsten bekannt. Dennoch ist Herr Yücel kein unbeschriebenes Blatt. Erstaunlicherweise wechselte Herr Yücel komplikationslos von der politisch stark links verorteten „taz“ zur als konservativ eingestuften „Welt“. Ist dieser nahtlose Wechsel ein Beleg für ein tiefgreifendes Umdenken des deutsch-türkischen Journalisten? Seinen Beiträgen in der „Welt“ nach zu schließen wohl kaum. Es illustriert eher die oft zu beobachtende, allgemeine Entwicklung nach links. Das Programm und die Politik der SPD, noch unter der Kanzlerschaft Helmut Schmidts, stand in weiten Teilen weit rechts von der Politik der heutigen, „konservativ-christlichen“ CDU einer Kanzlerin Merkel. Die heutige, erlaubte Meinungsvielfalt darf sich nur noch in den Schattierungen von Rot bewegen, alles andere wird geächtet und verfolgt.

Deniz Yücel 2

Deniz Yücel, aufgenommen am 12. Oktober 2014, Bildquelle und Lizenz: Metropolico (CC BY-SA 2.0)/flickr)

Sein Willkommen bei der „Welt“ ist daher nicht so sonderlich erstaunlich. Das Wirken von Herrn Yücel könnte für die „Welt“ aber möglicherweise kostspielig werden, da seine Beiträge selbst der „taz“, von der man ja harte Bandagen gegen alles, was als „rechts“ gilt, gewohnt ist, ernsthafte Probleme einbrachten. Linke Medien können sich in diesem Kampf gegen rechts sehr viel erlauben, da sie die politische Rechtschaffenheit und Unantastbarkeit ja schon allein dadurch innehaben, daß sie „gegen Rechts“ gnadenlos hetzen. Deniz Yücel hat aber selbst unter dem Schutzschirm der „taz“ den Bogen überspannt. Selbst viele Leser der „taz“ waren empört und erschrocken über die Äußerungen, die Herr Yücel über Thilo Sarrazin tätigte, und die per Gerichtsentscheid zu einer Geldstrafe von 20.000 Euro  für die „taz“ führte:

„Buchautor Thilo S., den man, und das nur in Klammern, auch dann eine lispelnde, stotternde, zuckende Menschenkarikatur nennen darf, wenn man weiß, daß dieser infolge eines Schlaganfalls derart verunstaltet wurde und dem man nur wünschen kann, der nächste Schlaganfall möge sein Werk gründlicher verrichten“.

In der Tat assoziiert man unwillkürlich solch schändliche Parolen wie „unwertes Leben“ und andere scheußliche Formulierungen aus vergangener Zeit mit solchen menschenverachtenden, gewissenlosen und empathielosen Äußerungen. Jemandem, der einen Schlaganfall erlitten hat, zu wünschen, daß der nächste Schlaganfall ihn endlich töten möge, ist an Geschmacklosigkeit und Rohheit kaum zu überbieten. Leserkommentare bescheinigten dem Schreiber Stürmerniveau, einige kündigten ihr Abo.

Der Haß auf alles Deutsche führte Deniz Yücel beständig die Feder. Unter den berufsaufgeregten Artikeln über die in Bedrängnis geratene, journalistische Lichtgestalt Yücel finden sich nun immer mehr und immer öfter Leserkommentare, die entlarvende Zitate aus seinem Artikel  „Super, Deutschland schafft sich ab!“ anführen:

„Der baldige Abgang der Deutschen ist Völkersterben von seiner schönsten Seite“,

In der Mitte Europas entsteht bald ein Raum ohne Volk. Schade ist das aber nicht. Denn mit den Deutschen gehen nur Dinge verloren, die keiner vermissen wird.

Besonders erfreulich: Die Einwanderer, die jahrelang die Geburtenziffern künstlich hochgehalten haben, verweigern sich nicht länger der Integration und leisten ihren (freilich noch steigerungsfähigen) Beitrag zum Deutschensterben.

„Nun, da das Ende Deutschlands ausgemachte Sache ist, stellt sich die Frage, was mit dem Raum ohne Volk anzufangen ist, der bald in der Mitte Europas entstehen wird: Zwischen Polen und Frankreich aufteilen? Parzellieren und auf eBay versteigern? Palästinensern, Tuvaluern, Kabylen und anderen Bedürftigen schenken? Zu einem Naherholungsgebiet verwildern lassen? Oder lieber in einen Rübenacker verwandeln? Egal. Etwas Besseres als Deutschland findet sich allemal.“

 Quelle: http://www.taz.de/!5114887/

Thilo Sarrazin reagierte souverän: „Als Person ist Deniz Yücel für mich nicht satisfaktionsfähig. Das gibt der Türkei aber noch nicht das Recht, ihn zu inhaftieren.“

Das wäre allerdings in der Tat noch zu klären. Die Medien beschallen die Deutschen zwar unablässig mit den Solidaritätsadressen für Herrn Yücel und werden nicht müde, sich für ihn an die publizistische Front zu werfen. Gern erweckt man den Eindruck, Herr Yücel sei wegen seines mutigen Einstehens für Meinungsfreiheit und weil er unbequem ist und Präsident Erdogan ein böser Diktator, einfach weggesperrt worden.  Was allerdings die tatsächlich von der Türkei vorgebrachten Haftgründe betrifft, ist man eher verhalten.

Deniz Yücel warb öffentlich dafür, das Verbot der kurdischen PKK aufzuheben. Er bekennt sich ganz offen zu der als terroristischen Vereinigung eingestuften Organisation, auf deren Konto mehrere Anschläge mit vielen toten Zivilisten gehen sollen. Weiterhin wirft die türkische Staatsanwaltschaft Herrn Yücel direkte Verbindungen zu der linksextremistischen, türkischen Hackergruppe „Redhack“ vor. Zumindest dürfte es für Deniz Yücel schwierig werden zu erklären, woher er exklusive und detaillierte Informationen über die gehackten Emails eines türkischen Ministers bekommen hat. 

Es wäre angebracht abzuwarten, wie sich ein möglicher Prozeß gegen Deniz Yücel gestaltet. Präsident Erdogan ist intelligent. Er könnte der Staatsanwaltschaft ans Herz legen, diesen Prozeß öffentlich zu führen, westliche Berichterstatter zuzulassen und ein Lehrstück an korrekter Justiz, lupenreiner Beweisführung und fairer Behandlung eines Angeklagten zur Schau zu stellen.

Wir wünschen Herrn Yücel aufrichtig, er möge korrekt und fair behandelt werden und im Falle eines Prozesses eine untadelige Prozeßführung erhalten. Wir hoffen für ihn, daß man ihm nicht mit dem Haß und der Menschenverachtung begegnet, die er gegenüber Herrn Sarrazin und allen Deutschen gezeigt hat.

Unser Mitgefühl und unsere tiefe Anteilnahme gebührt den Familien der beiden Polizeibeamten, die ihr Leben für ihre Aufgabe gaben, Recht und Gesetz und die Bürger zu schützen. Auch denen, die den Tod der alten Dame betrauern, möchten wir unser Beileid ausdrücken.