Lutherjahr 2017: „Notorisch überforderte Gestalt“

20. Februar 2017 von Gastautor: Jan von Flocken
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21. Februar 2017 (von Jan von Flocken) Zum Jubiläum der Reformation geht die evangelische Kirche auf immer größere Distanz zu Luther – vor allem wegen angeblichem Antisemitismus des großen Deutschen.

Wer heute zeitgeistkonform sein will, darf nie die christliche Religion erwähnen. Wenn es sich nicht umgehen läßt, so muß es im politisch korrekten Neusprech zumindest heißen: christlich-jüdisch. Rita Süßmuth, die feministische Allzweckwaffe der CDU Ende des vergangenen Jahrtausends, hat diese Sprachregelung nach Kräften gefördert – nichtsdestoweniger ist es der schiere Unsinn.

Christlicher und jüdischer Glaube bildeten stets – trotz des Alten Testaments – unüberbrückbare Gegensätze. Rabbiner und Priester waren einander spinnefeind. An vielen mittelalterlichen Kirchen (u. a. Paris, Straßburg, Bamberg, Magdeburg, Chartres) sieht man zwei allegorische Frauenfiguren nebeneinander: Ein hübsches junges Mädchen mit Krone, triumphierendem Lächeln und stolzer Haltung sowie eine häßliche Frau mit verzerrten Gesichtszügen und einer dicken Binde vor den Augen. Die Schöne verkörpert „Ecclesia“ – die christliche Kirche -, das häßliche Weib stellt die „Synagoge“ dar, den jüdischen Irrglauben, der das wahre Heil und die Erlösung durch Jesus Christus nicht sehen will.

Klagemauer

Die alte Klagemauer in Jerusalem, „ha-kotel ha-ma’arawi“ – die westliche Mauer. Für jüdische Gläubige symbolisiert sie den ewigen Bund Gottes mit „seinem Volk“. Luther jedoch leitete aus der leidvollen Geschichte der Juden mit der Zerstörung des zweiten Tempels in Jerusalems, der Zerstreuung der Juden in alle Welt und das Ausbleiben des versprochenen Messias die Abwendung Gottes von den Juden ab, weil sie Jesus Christus, den wahren Messias, nicht anerkennen.

Auch findet sich häufig die Darstellung der „Judensau“ an christlichen Gotteshäusern von Belgien bis Polen. Sie soll die Wesensgleichheit von Juden und Schweinen andeuten. Schon in der Bibel verkündete der Apostel Paulus den Thessalonichern, die Juden „gefallen Gott nicht und sind allen Menschen zuwider“.

Auf der Gegenseite ergehen sich die heiligen Texte der Juden in groben Beleidigungen aller Christen (und übrigens auch anderer Religionen). „Die Juden allein werden Menschen genannt, die Nichtjuden aber werden nicht Menschen, sondern Vieh genannt.“, so steht es in mehreren Kommentaren zum Talmud, dem bedeutendsten religiösen Schriftwerk des Judentums. Weiter: „Die Form des Kreuzes, vor dem die Christen sich verneigen, gleicht einem Götzenbild.“ und „Nichtjuden sind noch mehr zu meiden als kranke Schweine.“

Daß eine derart tiefverwurzelte Feindseligkeit einen Mann wie Martin Luther nicht gleichgültig ließ, dürfte klar sein. Der wortgewaltige Glaubenskämpfer hegte ursprünglich die Hoffnung, viele Juden würden sich von ihrem Glauben  abwenden und zur Reformation übertreten. In seiner Schrift „Daß Jesus Christus ein geborener Jude sei“ (1523) kommt durchaus Sympathie für die späteren Gegner zum Ausdruck. Er plädiert darin, die Juden freundlich zu behandeln und sie aus ihrem Ghetto in die Gesellschaft aufzunehmen. Vorwürfe und Gerüchte, die Israeliten würden Ritualmorde an Kindern begehen oder Brunnen vergiften, hält er für gefährlichen Unsinn. Luthers Absicht zielte eindeutig darauf, die Juden zum Christentum zu bekehren.

martin-luther-denkmal

Das Denkmal Martin Luthers vor der Dresdener Frauenkirche

Denn letztlich war das Judentum für ihn die falsche, durch das Wirken von Jesus Christus überflüssig gewordene, Religion. Deshalb kritisierte er die Juden ebenso wie die Anhänger der katholischen Papstkirche und das mit heftig-deftigen, zu seiner Zeit durchaus üblichen, Vokabeln. Er plädierte für die Einheit von Protestanten, Katholiken und Juden – eine Kirchenspaltung hat Luther niemals gewollt. Ihm ging es darum, durch Argumente aus der Bibel zu überzeugen.

So verfaßte Luther 1538 seinen „Brief wider die Sabbather an einen guten Freund“, den Grafen Wolf Schlick zu Falkenau. Anlaß war ein Schreiben des Freundes, in dem dieser davon berichtete, daß die Juden, anstatt zu Christus bekehrt zu werden, ihrerseits missionarisch tätig seien und Christen zum Judentum verführten; sie behaupteten, der Messias sei noch nicht gekommen und der Juden Gesetz bleibe ewig und müsse auch von den Heiden angenommen werden. Schlick bat Luther um Hilfestellungen, wie dieser jüdischen Argumentation entgegenzutreten sei.

Dessen Antwort ist in durchaus sachlichem Ton gehalten, indem es Luther um zwei Dinge ging: zum einen, daß der Messias schon gekommen ist, zum anderen, daß das jüdische Gesetz keineswegs ewig dauert. In zwei Abschnitten hebt er immer wieder die Lage der Juden hervor, die ihnen doch deutlich machen müßte, wie sehr sie auf einem Irrweg gehen: Seit 1500 Jahren besaßen die Juden keinen Staat, keinen Tempel, lebten fern von Jerusalem, hatten keine Priester, keinen Gottesdienst, wie ihn Moses vorgeschrieben hatte. Sie verharrten im Elend. Und im Unterschied zu ihren Notzeiten in Ägypten und Babylon habe Gott ihnen seit der Zerstörung Jerusalems keine Propheten mehr  gesandt, keine Verheißung, wann dieses Elend enden werde. Das sollte ihnen doch klar beweisen, daß der Messias, auf den sie immer noch warten, tatsächlich schon gekommen sei, nämlich Jesus von Nazareth. Und worin liegt die Ursache ihres Elends? Es ist ihre eigene Schuld, weil sie den wahren Messias verworfen haben und sich bis jetzt gegen ihn stellen. Ihre Strafe würde andauern, „so lange sie die göttliche Verheißung und Erfüllung in ihrem Unglauben und Ungehorsam Lügen strafen und lästern“.

Was Martin Luther zunehmend verbitterte, war die Tatsache, daß seine Bemühungen um die Bekehrung der Juden völlig fruchtlos blieben. Vielmehr wurde seine Reformation von zahlreichen Rabbinern abgelehnt und lächerlich gemacht.  Voller Zorn verfaßte er deshalb Anfang 1543 die Streitschrift „Von den Juden und ihren Lügen.“ Darin heißt es: „Die Juden sind ein solch verzweifeltes, durchböstes, durchgiftetes Ding, daß sie 1400 Jahre unsere Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen und noch sind. Summa, wir haben rechte Teufel an ihnen.“ Und an anderer Stelle: „Jawohl, sie halten uns in unserem eigenen Land gefangen, sie lassen uns arbeiten in Nasenschweiß, Geld und Gut gewinnen, sitzen dieweil hinter dem Ofen, faulenzen, pompen (sind hochmütig) und braten Birnen, fressen, saufen, leben sanft und wohl von unserm erarbeiteten Gut, haben uns und unsere Güter gefangen durch ihren verfluchten Wucher, spotten dazu und speien uns an, daß wir arbeiten und sie faule Junker lassen sein.“ Luther wollte die Juden schlicht loswerden und er empfiehlt, man möge sie „zum Lande austreiben und ihnen sagen, daß sie in ihr Land und Güter gen Jerusalem hinziehen und daselbst Lügen, Fluchen, Lästern, Speien, Morden, Stehlen, Rauben, Wuchern, Spotten und alle solche lästerliche Greuel treiben, wie sie bei uns tun“.

Luther Stube Wartburg

Martin Luthers Arbeitspplatz auf der Wartburg

Während seiner letzten Predigt, die Luther gehalten hat, am 14. Februar 1546 in seiner Geburtsstadt Eisleben, äußerte er eine „Vermahnung wider die Juden“. Darin ruft er einerseits dazu auf, freundlich an ihnen zu handeln und ihnen den christlichen Glauben anzubieten. Andererseits hebt er kritisch hervor, daß die Juden täglich Christus und seine Mutter lästern und schänden und sie daher, weil dies bekannt sei, nicht geduldet werden dürften, da man sich sonst fremder Sünden teilhaftig machen würde. „Dort aber, wo sie Christus annehmen, da sollen wir sie als unsere Brüder halten – sonst aber nicht dulden noch leiden.“

Der evangelische Theologe Prof. Klaus Wengst konstatiert: „Die judenfeindlichen Äußerungen Luthers … sind nicht etwa bedauerliche Verirrungen eines enttäuschten und alt gewordenen Mannes, sondern geradezu zwanghafte Folgerungen aus seinem theologischen Zentrum. Danach sind die Juden, solange sie Juden bleiben, Gottesleugner. Ihre Gotteslästerung besteht darin, daß sie Jesus nicht akzeptieren – also schlicht in ihrer Existenz als Juden.“

Im Ausblick auf das große Reformationsjubiläum im kommenden Jahr überbietet sich die evangelische Kirche mit Distanzierungen zu ihrem großen Gründer, so daß es verwundert, warum man dieses epochale Ereignis überhaupt feiern will. Den Anfang machte 2014 die Herbstsynode im Frankfurter Dominikanerkloster, wo die Evangelische Kirchenprovinz von Hessen und Nassau (EKHN) die judenkritischen Schriften Martin Luthers verurteilte. Die Haltung des Reformators zum zeitgenössischen Judentum des 16. Jahrhunderts sei „nicht vereinbar mit dem heutigen Bekenntnis der EKHN“, hieß es in einer Stellungnahme. Die gesamte EKD-Synode folgte ein Jahr später und distanzierte sich von den Äußerungen Luthers (und anderer Reformatoren) über Juden und Moslems. Seither ist die Distanzeritis nicht mehr zu bremsen. Den vorläufigen Gipfel erklomm der „Wissenschaftliche Beirat“ der EKD. In einer sogenannten Orientierungshilfe zur Reformation und den Juden heißt es allen Ernstes: „Das Jubiläum von 2017 gilt nicht Martin Luther, sondern der Reformation.“ Mit derselben Chuzpe könnte man behaupten, das Jubiläum von 1492 gelte nicht Christoph Kolumbus sondern der Entdeckung Amerikas.

Ohne jede Rücksicht auf die konkreten Zeitumstände des 16. Jahrhunderts gießt man die Schale der Verachtung über die Gestalt des großen Kirchenreformators und Bibelübersetzers. Luther wird aus dem Blickwinkel von Ereignissen und Erlebnissen beurteilt, die Jahrhunderte später stattfanden (in erster Linie natürlich der Holocaust während des 2. Weltkriegs) und für die man ihn nun nachträglich haupt- oder mitverantwortlich macht. Der atheistische Literat Uwe Lehnert („Warum ich kein Christ sein will“, 2009) liefert das klassische Beispiel für absichtlich unhistorische Betrachtungsweisen: „Ein Großteil der Gedanken Luthers widerspricht unserem heutigen, an den Menschenrechten orientierten normativen Konzept.“, liest man bei ihm. Und politisch korrekt ohne Rücksicht auf Zeit und Raum: „Nach unserem heutigen Verständnis würde Luther heute als Theologe und Politiker gesellschaftlich geächtet und als Volksverhetzer angeklagt werden.“ Für den Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann von der Universität Göttingen ist Luther sogar eine „gebrochene, verhärtete, notorisch überforderte Gestalt“.

Auch die Botschafterin der Evangelischen Kirche in Deutschland für das Reformationsjubiläum 2017 und gescheiterte Bischöfin Margot Käßmann beklagte mehrfach die Mitverantwortung Martin Luthers und ihrer evangelischen Kirche für die „deutsche Judenfeindschaft“. Der Antijudaismus des Reformators habe ein fatales Erbe hinterlassen. Luther sei ein „furchtbarer Zeuge“ für die Geschichte der christlichen Judenfeindschaft, ein Faktum, welches alle Gläubigen traurig stimmen müsse.

Wie meinte doch der Wittenberger vor 500 Jahren so treffend: „Aus einem traurigen Arsch fährt nie ein fröhlicher Furz“.

Luther Tür Thesen Wittenberg

Die berühmte Türe der Schloßkirche zu Wittenberg, an die Martin Luther am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen nagelte – der Beginn der Reformation.