Liegt die Wiege der Menschheit doch in Europa?

26. Mai 2017 von QUERDENKEN-REDAKTION
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26. Mai 2017 (Redaktion) Bisher galt es als Stand der Wissenschaft: Der Mensch kommt aus Afrika. Eines der maßgeblichen Bücher „Eva kam aus Afrika“, zeichnete die Stammeslinie der verschiedenen menschlichen Rassen nach und stellte fest: Sie alle führen auf die ältesten Menschenfunde in Afrika zurück. Welcher nun genau der älteste war, blieb allerdings dabei offen.

ardipithecus ramidus T-Michael Keeesey CC-by-sa 2,0 US

Der Schädel eines Ardipithecus ramidus. Bild: Wikipedia, T. Michael Keesey, Bildlizenz CC-by-sa 2.0 US

Zum Beispiel galt als Kandidat der etwa 5 Millionen alte Ardipithecus ramidus, von dem man allerdings nicht mit Sicherheit sagen kann, ob er nicht doch einfach ein früher Menschenaffe war. Ein Skelett samt Schädel wurde in einem äthiopischen Tal gefunden und auf ein Alter von über 4 Millionen Jahre datiert. Man sah dabei großzügig über körperliche Eigenschaften hinweg, die eher für den Affen, als für den Menschen sprachen. So war das langarmige Knochengerüst mit Greifzehen von Madame „Ardi“ noch deutlich das eines  Baumbewohners und Kletterers. Ob sie überhaupt aufrecht ging, blieb unklar. Ardi war bei 120 cm Körpergröße und ca 50 kg Gewicht ein mittelschlanke  Dame. Die Einschätzung als Hominide wurde nicht zuletzt wegen des vergleichsweise zierlichen Gebisses getroffen. Auch ein zweites Skelett, das als Vormensch in Betracht kommt, der Sahelanthropus tchadensis wurde als Stammvater der Menschheit in Betracht gezogen, gilt aber wohl nicht als Vormensch, sondern als eine ausgestorbene Art von Menschenaffen, wahrscheinlich ein Vorfahre des Gorillas. Seine Art ist noch älter als „Ardi“, der in der Sahelzone, im Tschad gefundene Menschenaffe ist ca 6-7 Millionen Jahre alt. 

Es gibt noch einige andere Arten, bei denen unter Wissenschaftlern umstritten ist, ob sie in die Ahnenreihe des Menschen einzuordnen sind, oder einfach ausgestorbene Affenarten waren. Jetzt sorgt ein neuer Fund für Aufregung in der Wissenschaft: In Griechenland wurde bei Ausgrabungen ein Kieferknochen gefunden und ein Zahn dieser Art in Bulgarien. Nach dem Fundort des Kiefers in Griechenland bekam diese Art den Namen „Graecopithecus freybergi“ mit dem Zusatz (Epitheton) „freybergi“ wird auf den Entdecker des ersten Knochenfundes 1944, Bruno von Freyberg verwiesen. Das Fossil wurde in Griechenland bei Ausschachtungsarbeiten für einen Wehrmachtsbunker in der Nähe von Athen entdeckt. Von Freyberg hielt das Knochenfragment für Überreste einer frühen Meerkatzenart. 1972 wurde der Unterkiefer schon einer frühen Menschenaffenart zugeschrieben, da aber nicht viel mehr Skelettmasse als der Unterkiefer vorhanden war, war eine genaue Zuordnung kaum möglich.

2012 fand man dann bei Ausgrabungen im bulgarischen Asmaka einen Vorderbackenzahn (auf dem Foto unten unter b), dessen Alter auf 7 Millionen Jahre datiert wurde. Da der griechische Unterkiefer (auf dem Foto unter a) etwas über 7 Millionen Jahre alt ist, verglich eine Forschergruppe um Madeleine Böhme dieses Jahr die beiden Fossilien die beiden Funde: Die Ergebnisse sind in der Arbeit Potential hominin affinities of Graecopithecus from the Late Miocene of Europe nachzulesen. 

Graecopithecus_Zähne

Der Unterkiefer des in Griechenland gefundenen Exemplar und die in Bulgarien gefundenen Zähne des Graecopithecus freybergi           a: Unterkiefer (Holotypus) von Graecopithecus freybergi; b: linker Prämolar P4, Archivnummer RIM 438/387; c-i: 3-D-Rekonstruktionen des Unterkiefers mit sichtbar gemachten Zahnwurzeln (Originale)  Bild: Wikipedia, Urheber: Jochen Fuss, Nikolai Spassov, David R. Begun, Madelaine Böhme, Bildlizenz: Creative Commons, Quelle: https://doi.org/10.1371/journal.pone.0177127.g001

Das Gebiß zeigt eine, für Hominiden sehr typische Eigenschaft: die Prämolaren, also die „kleinen Backenzähne“ haben bei allen Affenarten mehrere Wurzeln, so, wie beim Menschen die „großen Backenzähne“. Die vorderen Backenzähne der menschlichen Stammlinie zeigen als Besonderheit eine einzige, kegelförmig zusammengewachsene Zahnwurzel, also im Schaubild in der obersten Reihe unter b die zwei mittleren Zähne. Das ist ein ganz typisches, nur bei den Hominiden vorhandenes Merkmal. Noch weitere Merkmale der Zahnwurzeln und ihrer Verankerung im Kiefer deuten darauf hin, daß der Graecopithecus (Griechenvormensch) in die Reihe der Ahnen der Menschheit gehört.

Sollte sich diese Zuordnung als valide erweisen, wäre dies der Beleg, daß ein Ahne des modernen Menschen im östlichen Mittelmeerraum daheim war, und die Datierung anhand der Sedimentschichten auf ein Alter von mehr als 7 Millionen Jahren, macht diesen Ahn zum ältesten, bisher gefundenen Vormenschen. Damit wäre es möglich, sagen die Forscher, daß der entscheidende Punkt vom Vormensch zum  frühen Menschen nicht in Afrika, sondern in Europa geschah.

Dazu würde passen, daß in dieses Zeitalter ein Klimawandel stattfand, der eine zwei Millionen Jahre lang anhaltende, sehr warme Trockenheit mit sich brachte und in dieser Zeit das Mittelmeer fast austrocknete. Zu dieser Zeit entstand nach Meinung der Geologen die Sahara, was sich durch Sedimentschichten belegen lasse. Beifunde im Sediment, in dem der Graecopithecus-Kiefer gefunden wurde zeigen, daß die versteinerten Pflanzenrexte Savannenpflanzen sind, die in einer offenen, heißen Savannen-Buschlandschaft wuchsen. Holzkohlereste sprechen von regelmäßigen Buschbränden und Skelette von Vorfahren heutiger Gazellen, Nashörnern und Giraffenarten fanden sich in derselben Sedimentschicht. Es wäre also denkbar, daß diese Vormenschenart von Europa nach Afrika gewandert ist, wobei das fast ausgetrocknete Mittelmeer dabei keine Barriere mehr gebildet hätte, sondern der Graecopithecus trockenen Fußes zwischen den verbleibenden Seen hätte hinüberwandern können.

All das spricht nach Ansicht der Forscher sehr dafür, daß mit dem „Griechen“ tatsächlich ein uralter Vorfahr der Menschen gefunden wurde. Aufgrund der sehr übersichtlichen Anzahl der fossilen Funde ist das aber wissenschaftlich noch nicht gesichert. Man hofft in wissenschaftlichen Kreisen daher auf weitere Funde.

Auch diese Einschätzung der Geschichte des Menschen kann sich als falsch herausstellen, und trotzdem darf sie veröffentlicht und erklärt werden, was auch vollkommen richtig ist. Es ist allerdings immer wieder spannend zu beobachten, auf welchen Gebieten neue Erkenntnisse der Forschung begrüßt und unvoreingenommen publiziert werden. Und welche Themengebiete für wissenschaftliche Revisionen tabu zu sein scheinen, so daß die berechtigten Fragen abgeschmettert werden und jede Veröffentlichung unterdrückt wird. 

Es wäre nach Ansicht der Quer-Denken.tv-Redaktion auch interessant zu erfahren, was denn den dramatischen Klimawandel zwischen 7 und 5 Millionen Jahren vor unserer Zeitrechnung verursacht hat. Ob die dünne Vormenschen-Population durch erhöhten CO2-Ausstoß so eine ökologische Katastrophe herbeiführen konnte? Und was die Altsteinzeitmenschen andererseits getan haben könnten, um die für sie äußerst ungünstige Eiszeit vor 250.000 Jahren herbeizuführen? 

 

Quelle: http://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0177127