Kriegsverbrechen im Jemen – Stoppt den Völkermord!

7. März 2017 von Gastautor: Stefan Tolksdorf
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07. März 2017 (von Stefan Tolksdorf, Schiller-Institut, Vereinigung für Staatskunst e.V.  Beitragsbild: die alte Stadt Shibam, Jemen. Bildlizenz: Wikimedia Commons, Creative Commons 2.0)

Berliner Konferenz dokumentiert „Vergessene Kriegsverbrechen im Jemen“ Unter dem obigen Titel veranstaltete eine Initiative jemenitischer Bürger am Samstag, den 25. Februar 2017 in Berlin eine Konferenz, die die schauerliche Tatsache eines fortdauernden Völkermordes im Jemen demonstrieren und diesen beenden helfen sollte. Elke Fimmen und Stefan Tolksdorf waren als Vertreter des internationalen Schiller-Institutes eingeladen. Der erste Beitrag ist eine Zusammenfassung der Konferenz.

Nachdem die Gäste die Nationalhymne Jemens und eine wunderbare Rezitation aus dem Koran gehört hatten, erklärte Abdullatif Elwashali in seiner Einführung, daß der Jemen unter einer völligen Blockade des Landes durch die Koalition unter saudischer Führung leidet; die Nahrungsmittelversorgung im Land ist vollkommen unzureichend, Schulen und Krankenhäuser werden durch moderne Kampfjets mit Präzisionswaffensystemen bombardiert; auch die lebenswichtigen Häfen des Landes sind betroffen. Die Zivilbevölkerung leidet, während die Welt schweigt, weshalb der Krieg auch „der vergessene Krieg” genannt wird. Die Konferenz solle dazu dienen, das zu verändern. Die Teilnehmer und die Welt sollten an die Opfer dieses Krieges erinnert werden.

Als erster Redner trat Dr. Werner Daum auf, ein ehemaliger deutscher Diplomat, der inzwischen im Ruhestand ist. „Kein Volk hat mich so berührt, wie das jemenitische: Offenheit, Stolz auf das eigene Land ohne Überheblichkeit, sicheres Ruhen in sich selbst”, sagte Daum, der sechs Jahre lang im Jemen gelebt hat.

„Was die Zeit des Nationalsozialismus angeht, kann sich ein Jemenit kaum vorstellen, was das bedeutete. Im Jahre 1945 begannen die Nürnberger Prozesse gegen die Hauptverantwortlichen für die Verbrechen des Nationalsozialismus”, so Daum. Es ging um den „Tatbestand des Angriffskrieges”. Er fuhr fort: „Seit 1945 gilt ein nicht gerechtfertigter Angriffskrieg als Kriegsverbrechen, das mit dem Tode zu bestrafen ist. Das gilt auch heute im Jemen: dieser Krieg ist nicht gerechtfertigt; die Verantwortlichen in Saudi-Arabien und den Emiraten sind Kriegsverbrecher.”

Marib Staudamm

Detailaufnahme der Schäden durch die Luftangriffe auf den großen Staudamm von Marib. Bild: Paul Bonnefant. Bildquelle: Schiller-Institut.

Er betonte, daß die furchtbare humanitäre Situation im Jemen schlimm sei; noch schlimmer aber sei die Zerstörung des Kulturerbes im Jemen: „Kulturerbe, das zerstört wird, kann nicht wieder ersetzt werden. Wenn der Damm von Marib von den Saudis zerstört wird, werden 3.000 Jahre Geschichte schlicht und einfach vernichtet.”

Daum kam auch auf die Berichterstattung zu sprechen: „Wir hören immer, es ginge um einen Konflikt zwischen Saudi-Arabien und Iran; doch dafür gibt es keinen einzigen Beweis … Wenn nicht über die Wirklichkeit berichtet wird, dann hat das seine Gründe. Weltweit ist die Pressefreiheit nicht mehr gewährleistet, doch nicht, weil diktatorische Regierungen sie nicht mehr gewährleisten, sondern weil ein Klima herrscht, in der nur noch eine einzige Wahrheit existieren darf.”

Dann griff er den Historiker Francis Fukuyama direkt an, der vom „Ende der Geschichte” geschrieben hat, an dem sich das Reich einer säkularen Religion auf der Welt etabliert habe, das nie wieder in Frage gestellt werden dürfe. Daum schloß mit den Worten: „Auch wenn diese Konferenz keinerlei Medienwirkung haben wird, hoffe ich, daß wir diesem Versuch den Schleier entreißen können.”

Als nächstes waren Elke Fimmen und Stefan Tolksdorf eingeladen, ein Grußwort der Präsidentin des Schiller-Institutes, Helga Zepp-LaRouche, vorzutragen und den Konferenzteilnehmern die optimistische Zukunftsperspektive und die Aktivitäten des Schiller-Institutes zu präsentieren. Frau Fimmen bestätigte in ihrem Vortrag, daß der Jemen gerade Schreckliches erleidet, gab aber auch einen wichtigen Einblick in die Auseinandersetzung in den USA vor allem den Kampf um die Veröffentlichung der 28 Seiten des 9/11-Berichtes und das JASTA-Gesetz im vergangenen Jahr – beide haben schließlich direkt mit der Rolle Saudi-Arabiens zu tun.

Sie zeigte aber auch, welche Rolle der Jemen in der Neuen Seidenstraße als Brücke zwischen Asien und Afrika spielen wird. Dazu zeigte sie einige Folien und Grafiken, die von Ulf Sandmark und Hussein Askary vorbereitet worden waren, und präsentierte die Resolution, die durch Fouad Al-Ghaffaris Arbeit im Jemen inspiriert und bei der Konferenz des Schiller-Institutes in Berlin im Juni 2016 angenommen wurde.

Im Anschluß zeigten die Organisatoren der Konferenz Ausschnitte aus Filmmaterial über die Lage im Jemen, das sie den Teilnehmern auch in Form einer DVD mit dem Titel Crimes of the Forgotten War zur Verfügung stellten. (Die Filmdokumentationen sind auch in Youtube eingestellt, siehe: https://www.youtube.com/watch?v=wxk7O2bU3M4) Nach den herzzerreißenden und verstörenden Bildern betonte Herr Elwashali, diese Verbrechen müßten umgehend gestoppt werden.

„Ein wenig Hoffnung” war der Titel von Hussain Sharafs Präsentation. Er erzählte die Geschichte von Amal, einem jungen jemenitischen Mädchen, das Flugzeuge liebte und davon träumte, eines Tages um die Welt zu reisen und alle Menschen zu grüßen. Als sie, wie auch sonst so oft, wieder einmal auf die Straße gelaufen war, um die Flugzeuge zu sehen, die sie gehört hatte, wurde ihr Haus von einer Bombe getroffen. Ihr Vater war sofort tot; ihre Mutter und ihr kleiner Bruder starben nur wenig später in einem Krankenhaus ohne Medikamente und ohne elektrischen Strom. „Das letzte Licht in ihrem Leben war erloschen. Das Mädchen hatte eine sehr große Zukunft vor sich. Sie hatte große Liebe in sich. Doch ihr Körper, ihre Familie, ihre Seele, ihre Würde und ihr Recht auf Leben wurden verletzt”, sagte Sharaf und fuhr fort: „Ein Teil von Amal lebt noch und will gerettet werden. Amal bedeutet Hoffnung; Hoffnung, die noch lebt. Alle Kinder im Jemen sind Amal.”

jemen sana kinder wasser

Sauberes Wasser ist MAngelware im Jemen. Ein kleines Mädchen holt Trinkwasser in Plastikflaschen in der Haupstadt Jemens, Sana. Bildquelle: Schiller IStitut, Image Credit: Unicef 2016

Über die Auswirkungen des Krieges auf die Wasserversorgung sprach als nächstes Dr. Taha Al-Washali, Research Fellow für Wasserversorgungstechnik am UNESCO-Institut für Wasser-Ausbildung in Delft. 15,4 Mio. der 27,8 Mio. Einwohner Jemens, der „ärmsten, bevölkerungsreichsten und jüngsten Nation der arabischen Halbinsel”, haben derzeit keinen Zugang zu Wasser oder sanitären Einrichtungen, 7 Mio. brauchen dringend Nahrung. Nach Statistiken der UN haben in diesem Krieg bis November 2016 10.000 Menschen ihr Leben verloren, 60% davon durch Luftschläge; 75 werden jeden Tag getötet oder verletzt. Als Folge des Zusammenbruchs der Wasserversorgung kam es zu einem Cholera-Ausbruch, der mittlerweile bereits 12.700 Menschen erfaßt hat.

Dr. Al-Washali verwies auf Forschungsergebnisse von Martha Mandy (GB), wonach die Kampagne Saudi-Arabiens gegen Jemen auch darauf ausgerichtet ist, die landwirtschaftliche Existenzgrundlage zu zerstören. Bereits vor dem Krieg mußte der Jemen 90% des Weizens und 100% des benötigten Reises importieren. Durch die Blockade des Landes sind die Preise stark angestiegen, während die Löhne im Land seit September 2015 massiv gekürzt wurden. Dr. Al-Washali stellte schließlich fest, der Schaden im Jemen sei weitreichend, langfristig und schwer zu reparieren; alle großen Städte seien betroffen.

Über die Auswirkungen der wirtschaftlichen Blockade auf die Menschen sprach als nächstes Engeline Kramer, Trainerin für Interkulturelle Kommunikation und Konfliktlösung. Frau Kramer hob zunächst die Gastfreundschaft, Freundlichkeit und Wärme der Jemeniten hervor und fragte dann: „Was will man im Jemen eigentlich noch kaputt machen?” Kriegsverbrecher wie George W. Bush und Tony Blair sollten in Den Haag vor Gericht gestellt werden. Die USA, Großbritannien und Deutschland könnten und müßten den Wirtschaftsboykott gegen den Jemen sofort beenden. Jeder müsse jetzt Anstrengungen für Frieden im Jemen unterstützen. Sie schloß mit dem optimistischen Sprichwort: „Wenn viele Menschen viele Schritte machen, kann man das Gesicht der Welt verändern.”

Anschließend sprach Dr. R.S. Karim, Mitbegründer von Mona Relief (Jemenitische Organisation für humanitäre Hilfe und Entwicklung, London). Mona ist eine der wenigen Hilfsorganisation, die direkt im Jemen aktiv ist. Den Jemen nannte Dr. Karim ein „narbenbedecktes Land; eine offene Wunde; einen Schatten seines früheren Selbst”. Saudische Beamte hätten „den Jemen von der Welt abgeschnitten. Das Land ist eingeschlossen. Das ist Genozid.” Wenn vor dem Krieg bereits 90% wichtiger Nahrungsmittel importiert werden mußten, wie solle man jetzt 90% der Bevölkerung mit den verbleibenden 10% ernähren? Jedes Mal, wenn es Kind stirbt, wurde es von jemandem ermordet. Dr. Karim erzählte dem entsetzten Konferenzpublikum von Totgeburten wegen Unterernährung. Er sprach von Vätern, die verzweifelt an Selbstmord denken, weil sie ihre Familien nicht schützen können. „Solches Elend befleckt die Seele.”

„Der Jemen ist ein humanitäres schwarzes Loch. Dem Land wurde seine Würde genommen.” Vor allem aber würden die Jemeniten „den Gestank des Verrates wittern.”

Dr. Karim schloß: „Wenn eine Militärmacht absichtlich das Leben von Kindern zerstört, dann kann man nur noch eines tun: Kämpfen. Jeder Vater wird kämpfen. Jede Mutter wird zur Tigerin. Der Jemen darf nicht zu einer weiteren vergessenen Krise werden. Der Krieg im Jemen ist nicht der vergessene Krieg dieses Jahrzehnts; er ist die Schande unserer Generation.”

Als letzte Rednerin sprach Hassna, eine angehende Studentin, über die Kriegsverbrechen und das Leiden der Frauen und Kinder. Sie zeigte viele Bilder, die noch einmal an all die Schrecken im Jemen erinnerten. Die Konferenzen endete nach einem Schlußwort auf Arabisch und einer weiteren kurzen Rezitation aus dem Koran mit der jemenitischen Nationalhymne.

Das Schweigen über die Grausamkeiten im Jemen war während der Konferenz wiederholt Gegenstand der Diskussion und wurde noch durch die beschämende Tatsache unterstrichen, daß außer EIR und der Neuen Solidarität keine Vertreter von Presse und Medien anwesend waren – und das, obwohl die Veranstaltung in einem Konferenzsaal im Gebäude der Zeitung Neues Deutschland stattfand.

Dennoch war die Konferenz ein voller Erfolg. Sie demonstrierte und verurteilte klar die Greuel, unter denen die Jemeniten leiden. Der Wille, angesichts dieser himmelschreienden Ungerechtigkeit Widerstand zu leisten, war spürbar. Noch wichtiger jedoch: Die Konferenzteilnehmer erfuhren mehr über das übergeordnete Problem des britischen Empires und lernten die großartige Perspektive der zukünftigen Rollen Jemens in einem Neuen Paradigma der Win-Win-Zusammenarbeit kennen.

Stefan Tolksdorf

Sana klein Wikimedia Commons Creative Commons 2-0

Sana, die alte, wunderschöne Hauptstadt des Jemen. Bild Wikimedia Commons, Bildlizenz: Sreative Commons 2.0