Die Welt von heute leidet unter Gier und Verrat. Die rumänische Nachhaltigkeits-Revolution als Zukunftsmodell für die westliche Welt

9. November 2016 von Michael Friedrich Vogt
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09. November 2016 Dr. Călin Georgescu im Interview mit Michael Friedrich Vogt. Mitte Dezember finden in Rumänien Wahlen statt. Da die Parteien an Glubwürdigkeit bei den Wählern stark eingebüßt haben, gibt es aus den beiden größten Parteien des Landes, den Liberalen und den Sozialdemokraten, eine bemerkenswerte Initiative, einen parteilosen Experten von untadeligem Ruf als Premierminister küren zu wollen.

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Dr. Călin Georgescu

Diese Einsicht in das eigene Unvermögen, die Personalie des Premiers besetzen zu können, wird noch dadurch übertroffen, daß es sich bei dem vorgesehenen, künftigen Premier, Dr. Călin Georgescu, nicht nur um einen ausgewiesen Umweltexperten handelt, der Nachhaltigkeit jenseits von Sonntagsreden wirklich ernst meint, sondern der ein eigenes Konzept einer „Nachhaltigkeitsrevolution” für Rumänien vorgelegt hat, das einen Entwurf einer humanen, postkapitalistischen Gesellschaft beinhaltet, in der nicht Gier, Profit und Wachstumswahn dominieren.

Călin Georgescu faßt seine Vorstellungen in diesem Interview folgendermaßen zusammen:

Alle reden heute von nachhaltiger Entwicklung. Sie sind UN-Experte für nachhaltige Entwicklung und leiten ein Institut in diesem Bereich. Was wurde in diesem Sinne in der Welt bis heute getan?

Fast nichts. Seit dem Weltgipfel in Rio im Jahre 1992 enden bis heute alle großen internationalen Treffen mit einer Antwort auf die Frage, wie wir den Konsum entwickeln sollten. Nichts Konkretes wird leider über die nachhaltige Entwicklung gesagt, bloß Gerede ohne eine reale Grundlage. Die Welt von heute leidet unter Gier und Verrat.

Und für den Umweltschutz? Wurde in diesem Bereich wirklich nichts getan?

Der Umweltschutz bedeutet nicht nur, wieviel Waldfläche wir konservieren oder welche Tierart wir schützen usw. Es bedeutet auch, wie ich mit den großen Unternehmen wie Nestle, Coca Cola usw. kämpfen kann, die den Planeten und die Naturressourcen für ihren Gewinn regelrecht ausplündern.

Diese würden Ihnen erwidern: Die Menschen wollen doch konsumieren.

Ja. Sicher. Jedoch in Maßen. Der Boden kann unsere Bedürfnisse decken, aber er kann unserer Gier nicht standhalten. Ich glaube, daß wir uns wünschen sollten, aus dem Glück der anderen leben zu wollen, und nicht aus ihrem Leid. Afrika zum Beispiel ist nicht arm, andere machen den Schwarzen Kontinent arm, indem sie seine Naturressourcen rauben. Und um dies machen zu können, lösen sie verschiedene Konflikte aus.

Und Europa und die EU?

Europa befindet sich in einem Zustand der Lethargie, in einer Art von intellektuellem und moralischem Tod. Die Europäische Union war und kann noch ein großes und großzügiges Projekt des Friedens und des Wohlstandes für alle Menschen dieses Planeten werden. Jedoch wegen des völligen Mangels an politischer Leadership, wurde sie zum Anhänger einer fehlgeleiteten, von den Konzernen bestimmten Politik, die zu Blockaden, Unsicherheit und ganz allgemein zur Unzufriedenheit ihrer Bürger führt.

Großbritannien hat inzwischen die Konsequenzen gezogen. Hat sich das Königreich mit dem Brexit isoliert?

England hat sich nicht isoliert, jedoch versucht es, sich auf einer gewissen Weise zu distanzieren in der Hoffnung, bessere Abmachungen treffen zu können. Sie wissen was folgen wird, falls die Dinge auf dieselbe Weise weiterlaufen wie jetzt – der sichere Untergang – mit erhöhter Geschwindigkeit. Eigentlich haben sich die Briten nie vollständig in die EU integriert. Es gibt einige wesentliche Verfahren, mit denen sie sich niemals identifiziert haben, oder wo sie stets einen Sonderstatus für sich ausgehandelt haben, was die Union grundsätzlich geändert hat. Die Engländer haben die Währungsunion noch vor der politischen Union abgelehnt, und damit hatten sie sicherlich recht. Ich wünsche ihnen viel Glück bei den Brexit-Verhandlungen, jedoch zweifle ich am Erfolg des Exits, da die heutigen Probleme der EU im neoliberalen Ansatz der Wirtschaft und der Gesellschaft wurzeln, der eben durch die britische Ader nach Europa gelangt ist und der weiterhin auf der Insel hochgeschätzt wird, nachdem er das bekannte Desaster auf dem Kontinent verursacht hat.

Was sind weitere, tiefliegende Gründe für diese schwierige Situation?

Wenn wir tiefgründig die Lage analysieren, würde ich sagen, daß wir uns Tag für Tag von unserer eigenen Natur entfernenim Grunde von der Natur der Menschlichkeit. Wir haben keine Zeit mehr für uns, für andere Menschen, wir haben keine Zeit mehr zum Träumen, zum Lieben. Kurz: Wir leben nicht mehr für uns. Alles geht in einem raschen Tempo vor, welches von dem Profit der Unternehmen beeinflußt ist, wir leben im Rhythmus der Bilanzaufstellung. Wir wissen nicht mehr, wer wir sind und welche Mission wir auf der Erde haben. Und fast alles, was informationstechnisch in den Medien herumirrt, ist nichts als Manipulation, bzw. ein fortwährender Bluff, der auf der großen offenen Bühne der gefangenen Gesellschaft vorgeführt wird. Eine moderne Sklaverei hoher Klasse.

Und was wäre eine Lösungzumindest auf ökonomischer Ebene?

Wohlstand durch Einfachheit. Die Wirtschaft hängt von der Moral ab und nicht von der Wissenschaft. Wir brauchen eine Wissenschaft des Gewissens. Die Wirtschaft ist keine Verlängerung der Technik, sondern eine Verlängerung des Lebens in der Gesellschaft. In diesem Sinne haben wir auch das Nationalprojekt für Rumänien vorgeschlagen, mit dem Titel: „Nahrung, Wasser, Energie“. Die Verantwortung ist der Preis unserer Freiheit. Diesen Preis müssen wir bezahlen, um unsere Freiheit beibehalten zu können. Aus diesem Grund reden wir von einem grundsätzlichen Paradigmenwechsel im System, der den Menschen zu seinem wahren Wesen, zur Freiheit und Unabhängigkeit führen sollte.

Sie sagten, daß das ProjektNahrung, Wasser, Energiefür Rumänien entworfen sei, jedoch könnte es auch ein Modell für andere Nationen werden. Welchen Platz messen sie Ihrem Land aus dieser Sicht in der heutigen Welt bei?

Ich wünsche mir, daß Rumänien dieses Projekt begrüßt, welches sein riesiges, unvergleichliches Naturkapital im Sinne der nachhaltigen Entwicklung und im Dienste der ganzen Menschheit aufwerten würde. Ebenfalls würde es den Rumänen erlauben, der Welt ihre wertvolle Dorfzivilisation, in welcher Einfachheit und tiefes menschliches Erleben eine bedeutende Rolle spielen, zu präsentieren. Ich bin der Meinung, daß die Rumänen eine besondere Rolle in der Welt einnehmen sollten und können, da siedas romanische Volk mit orthodoxer Religion sind, das Element, welches die Kette zwischen Abendland und Morgenland abschließen sollte, um es in den Worten Mihai Eminescus, des bedeutendsten Dichters und eines der größten politischen Denker Rumäniens, auszudrücken. Mihai Eminescudas soll erwähnt werdenwar ein Genie, das in der deutschen Kultur ausgebildet wurde.

In einer bis zum Umkippen globalisierten, von Widersprüchen zerfetzten und von einem akuten Verlust des Selbstbewußtseins geprägten Welt bin ich davon überzeugt, daß Rumänien, ein Land, das sich am Zusammenfluß der Kulturen befindet, seinen gut verdienten Platz finden kannentsprechend seiner Berufung als Brücke zwischen diesen beiden Welten, als Anschluß und Raum für Interferenz und Dialog, welcher Gleichgewicht und Harmonie einflößt und zur Zusammenarbeit einläd, indem es der ganzen Menschheit einen ehrlichen und beseelten Aufruf zur Liebe richtet. Und damit würde Rumänien zu einem Modell auch für andere Staaten und Nationen für eine humane Gesellschaft, die ohne Ausbeutung und Ausplünderung auskommt.

Das Gespräch führte Michael Friedrich Vogt.