Crash in Venezuela: Hunger, Verletzte, Tote und Chaos

16. Mai 2016 von Niki Vogt
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16. Mai 2016 (von Niki Vogt) Seit Jahren kann man verfolgen, wie Venezuela langsam, aber sicher in einen Kollaps gleitet. Teilweise ist es die sozialistische Verschuldungs- und Mißwirtschaftspolitik, mit der überall Segnungen und Gaben verteilt, staatliche Bevormundung und Totregulation betrieben und mit ideologischen Projekten ungeheure Summen verschleudert werden. Sozialistische Supernanny-Staaten werkeln sich durch explodierende Sozialausgaben immer tiefer in Schulden und ersticken gleichzeitig ihre produktiven Menschen durch oberlehrerhafte Bevormundung in Allem und Jedem. Dieser Prozeß dauert aber in der Regel relativ lange, wie wir beispielsweise bei uns in Europa beobachten dürfen. Venezuela ist ein ressourcenreiches Land und hätte sich diesen Weg noch lange leisten können. Allein das Erdöl des Landes  – Venezuela hat mehr Erdöl als Saudi Arabien –  hätte Venezuelas sozialistische Träume für mindestens zwei Generationen finanziert. Wer weiß, vielleicht wäre es ja geglückt und – Gott bewahre! – hätte sich tatsächlich ein Leuchtturm und nachahmenswerten Musterland entwickeln können.

Ebendieses Bestreben, das eigene Erdöl zum Nutzen der eigenen Bevölkerung einzusetzen, war das Todesurteil. Der weitaus gravierendere Grund für den jetzigen Crash ist nämlich, daß Venezuela unter Hugo Chavez einen Kurs einschlug, der den USA nicht gefällt. Nicht nur, daß Chavez mit der Forderung auf Herausgabe des venezolanischen Staatsgoldes der Welt vorführte, wie die bankrotte USA mühsam das Gold überall zusammenkratzte – viel schwerer wog das Bestreben des großen Landes, seine sprudelnde Einnahmequelle, das Erdöl, selbst in die Hand zu nehmen und sich bessere Kooperationspartner zu suchen. Das tut man bekanntermaßen nicht ungestraft.

Keiner, der die globale Kontrolle der USA über das Ölgeschäft antastete, hat das bisher überstanden. Saddam Hussein wollte Öl in Euro verkaufen, Gaddafi hatte den Ölreichtum Libyens zum Wohl des eigenen Volkes eingesetzt, der Iran wollte seine Ölressourcen zum Aufbau von Wohlstand und Stabilität nutzen. Zur Zeit sind Rußland, China, Nigeria, Brasilien und eben Venezuela unbotmäßigerweise auf demselben, gefährlichen Weg.

Venezuelas Regierung verstaatlichte 2007 sogar den gesamten Erdöl-Sektor, darunter auch einige Öl-Bohrprojekte des US-Konzerns Exxon Mobil. Der US-Ölgigant mußte das Land verlassen. Nach einem Urteil eines privaten Schiedsgerichts der Weltbank 2014 war Venezuela dazu gezwungen, 1,6 Milliarden Dollar Entschädigung an zu Exxon zahlen. Seitdem, so behauptet Präsident Maduro, arbeite Exxon Mobil aktiv daran, Venezuela zu destabilisieren. „Es gibt eine brutale Kampagne gegen Venezuela, die von Exxon Mobil finanziert wird“, zitiert der venezolanische Sender telesurtv den Präsidenten.

Nicolas Maduro äußerte schon mehrfach öffentlich seine Befürchtungen, daß die USA auch in Venezuela einen ihrer Umstürze aufführen wird. „Wir haben Aktivitäten von einigen US-Amerikanern aufgedeckt und die Leute festgenommen. Präsident Obama und seine Diplomaten organisieren eine Konspiration, um meine Regierung zu stürzen. Ich habe die Beweise.“

Im März 2016 hatte die US-Regierung die Gültigkeit eines Dekretes um ein weiteres Jahr verlängert, das Venezuela als eine „außergewöhnliche Bedrohung für die nationale Sicherheit und die Außenpolitik der Vereinigten Staaten“ der USA bezeichnet. Diese Einstufung als „außergewöhnliche Bedrohung“ geht mit schmerzhaften Sanktionen einher.

Daraufhin gab es Massenproteste gegen die massive Einmischung der USA. Die Venezolaner hatten noch die (erfolglosen) von den USA angezettelten Putschversuche gegen Hugo Chavez in lebhafter Erinnerung. Die Bevölkerung protestierte in vielen Städten massiv gegen neue Putschversuche durch die vom CIA und von George Soros finanzierte Opposition MUD. Sie stellten sich klar hinter ihren demokratisch gewählten Präsidenten Maduro

Die Deutschen Wirtschaftsnachrichten berichten heute hierzu: „Das rechte Oppositionsbündnis Mesa de la Unidad Democrática (MUD) wird massiv von der US-Organisation National Endowment for Democracy (NED) unterstützt. NED wird von der US-Regierung und der CIA-Tarnorganisation USAID finanziert. Nach Angaben der US-amerikanischen Anwältin und Publizistin Eva Golinger haben die USA über ihre Organisationen mehrere venezolanische Anti-Regierungs-Bündnisse mit Millionen von Dollars unterstützt.“

Zusammen mit den beinharten Sanktionen entfalten die mit Hunderten Millionen finanzierten Umsturzaktivitäten Wirkung. Entsprechend hart geht die Regierung Maduro gegen Oppositionelle vor. Das ist auch beabsichtigt, denn dann kann die Karte „brutales Regime“ auf den Tisch geknallt werden, das es im Sinne der Demokratie und der Menschenrechte zu eliminieren gilt. Maduro wird zum Assad Südamerikas aufgebaut, Venezuela wird zum Schurkenstaat.

Wie bringt man eine Bevölkerung, die eigentlich hinter der Regierung steht, in Umsturz-Stimmung? Auch hier bietet das Handbuch für US-gesteuerte Farb- und Blumenrevolutionen einen Tipp: Hyperinflation und dadurch Hunger. Im alten Rom gab es das Sprichwort „Die nächste Revolution ist nur zwei ausgefallene Mahlzeiten weit weg“.

Wenn es um Verhungern oder Überleben geht, verblassen Werte wie Souveränität, Landesstolz und Anti-Imperialismus.

Schon seit letztem Jahr verschärft sich die Lage durch beinharte Sanktionen und durch die USA geschürte Unruhen, aber auch durch Mißwirtschaft und Zerstörung der Produktivität seitens der Regierung. Die Inflation erreichte Ende 2015 bereits 180%, Nahrungsmittel wurden erst für die Ärmsten unerschwinglich, mittlerweile frißt sich der Hunger bis in die Mittelschicht vor. Die Strom- und Wasserversorgung ist in weiten Teilen Venezuelas zum Erliegen gekommen.

Die Leute stehen stundenlang in hundert Meter langen Schlangen, um Grundnahrungsmittel wie Reis, Milch, Mehl oder Brot zu bekommen. Die Geschäfte sind teilweise leer, und das, was noch da ist, ist für die meisten unerschwinglich.

Venezuela Supermarkt

Der Schmuggel von Lebensmittel für Dollar uferte aus, die Regierung setzte das Militär ein, um die Schmugglerbanden zu fassen. Die Soldaten benutzten die erbeuteten Lebensmittel, um ihre eigenen Familien zu ernähren – oder um sie selbst überteuert zu verkaufen. Es wurden aber auch Soldaten verletzt oder getötet, die solche Lebensmittel beschlagnahmt hatten, wenn die hungrigen Menschen mitbekamen, daß dort Lebensmittel zu erbeuten waren.

Die Menschen sind schlicht verzweifelt. Ihre Kinder daheim verhungern. Sie tun alles, um zu überleben. Hungeraufstände brechen aus. Hunde, Katzen, Tauben und andere Vögel … was immer man erwischen kann, wird gejagt.

Hunger-Massenprotest in Caracas am 14. Mai 2016

Die Kriminalität steigt rapide. Die Polizei ist nicht mehr in der Lage, die Situation zu kontrollieren. Straßenräuber werden von der Menge gleich an Ort und Stelle zusammengeschlagen oder hingerichtet. Wie die gut informierte Seite Zerohedge über einen Fall berichtet, wurde in Caracas der 42jährige Roberto Fuentes Bernal des Straßenraubes beschuldigt, von den Umstehenden geschlagen und getreten, und angezündet. Ein Video, das teilweise verpixelt, aber immer noch erkennbar ist, wurde veröffentlicht. Die Justiz des Mobs als höchste Instanz entscheide nun, wer lebt oder stirbt. Ein Video ist verlinkt, auf dem man das Zusammenschlagen zweier Männer sehen kann: A man accused of mugging people in the streets of Caracas was surrounded by a mob of onlookers, beaten and set on fire, who published a pixeled-out but still graphic video of the man burning as mob justice is now the supreme arbiter of who lives and who dies: „Roberto Fuentes Bernal, 42, was reportedly caught trying to mug passersby in the Venezuelan capital, and before police arrived at the scene, the crowd took the law into their own hands.“ The video can be seen here.

Das Plündern von Geschäften geschieht immer häufiger. Wer stundenlang in einer Warteschlange steht, kann immer seltener darauf hoffen, am Ende überhaupt noch etwas zu ergattern. Sobald die ersten aus der Reihe ausbrechen, um über die Absperrgitter zu springen, fallen alle Skrupel und die Menge trampelt los.

Am Mittwoch, den 11. Mai kam es erstmals zu unzähligen Verletzten und zwei Toten, als der große Supermarkt „Maracay Wholesale Market“ von etwa 5000 Menschen gestürmt wurde. Ein Wachmann, der sich anfangs den Plünderern entgegenstellen wollte, wurde verprügelt.

Die Videos verbreiten sich unter dem Schlagwort „Venezuela hat Hunger!“ (Venezuela tiene Hambre!) schnell weltweit: https://twitter.com/llaneroVen/status/730390635388252160