Beitragen, um eine Zukunft der Menschenwürde vorzubereiten – Zum 70. Geburtstag von Professor Dr. iur. et phil. Alfred de Zayas

31. Mai 2017 von Gastautor: Thomas Kaiser
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31. Mai 2017 (Von Thomas Kaiser) Am 31. Mai feiert der promovierte Historiker und Völkerrechtsprofessor Alfred M. de Zayas seinen 70. Geburtstag. Als Autor verschiedener Bücher, als hoher Beamter der UNO, als Professor für Völkerrecht und nicht zuletzt als «Unabhängiger Experte für eine demokratische und gerechte internationale Ordnung» an der UNO ist Alfred de Zayas zweifelsohne eine Person der Zeitgeschichte. Nach dem Studium der Jurisprudenz promovierte Alfred de Zayas an der renommierten Harvard University. Im Jahre 1974 kam er als Fulbright-Stipendiat nach Deutschland und studierte an den Universitäten Tübingen und Göttingen Geschichte. 1977 wurde ihm auch in Göttingen die Doktorwürde verliehen.

Alfred de Zayas 2

Dr. jur. et phil. Alfred de Zayas, Historiker und Professor für Völkerrecht bei der UN in New York

Seine historischen Erkenntnisse über die Vertreibung der Deutschen und über die Wehrmacht waren herausragend, erhielten zustimmende Rezensionen in den Fachjournalen und wurden Grundlage von Dokumentarfilmen des Westdeutschen sowie des Bayerischen Rundfunks. Heute werden sie kaum noch beachtet. «Obwohl meine Erkenntnisse unwiderlegt bleiben», so de Zayas, «wurde ihnen jedoch wohl ohne Beweise widersprochen. Was nicht in die Political Correctness paßt, hat es schwer.»

De Zayas Publikationsliste ist unendlich lang, er hat in all den Jahren keinen Bereich und kein Thema gescheut, um es nicht einer wissenschaftlichen Untersuchung zu unterziehen So hat er neun Bücher zu wichtigen historischen Fragen verfaßt. Auch zu Kunst und Literatur fühlt er sich hingezogen, hat verschiedene Essays veröffentlicht, Rilke und Hesse Gedichte übersetzt, war Vorsitzender des P.E.N.-Clubs in der französischsprachigen Schweiz, spricht fließend sechs Sprachen und hat selbst Gedichte und Epigramme in verschiedenen Sprachen verfaßt. Besondere Bedeutung kommt sicher seiner umfassenden historischen Forschungsarbeit zu, ob das die Untersuchungen über die Verantwortung der Anglo-Amerikaner für Vertreibungen in Europa nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren oder der Völkermord an den Armeniern. De Zayas fühlte sich dabei immer seinem «Gewissen, der Wahrheit und den leidenden Menschen» verpflichtet.

Großes Aufsehen erregte er mit seinem zunächst in englischer Sprache erschienenen Standardwerk «Nemesis at Potsdam», später auf Deutsch «Die Nemesis von Potsdam». Als erster der Historikerzunft hat er es gewagt, die systematischen Vertreibungen der deutschstämmigen Bevölkerung aus den osteuropäischen Staaten in Hinblick auf die Rechtskonformität des Potsdamer Abkommens von 1945 zu untersuchen. Geleitet von der Überzeugung, daß hier menschliches Unrecht geschehen ist und daß Vertreibungen zusätzlich ein Verstoß gegen das Humanitäre Völkerrecht darstellen, hat de Zayas den Finger auf die Wunde gelegt. Sein Mut sowie seine wissenschaftliche Exaktheit und Unkorrumpierbarkeit, solche Themen, die lange mit einem Tabu belegt waren, anzupacken, haben ihm zunächst großen Respekt in der Historikerzunft eingetragen.

Auch wichtige Tages- und Wochenzeitungen wie die «Süddeutsche» zollten de Zayas Analysen damals große Anerkennung: «Von tiefem Ernst und bohrender Gründlichkeit» oder wie die «Die Zeit» schreibt: «… in der Beweisführung mit bestechender Präzision». De Zayas selbst bestätigte, daß keine seiner Forschungsergebnisse seit dem Erscheinen des Buches, also vor 40 Jahren, widerlegt worden seien: «Kein Mensch hat nur ein Wort als unzutreffend qualifiziert, aber man schweigt es tot. Man nimmt es zur Kenntnis, aber zieht keine Konsequenzen daraus.» Anfänglich hatte das Buch eine große Resonanz und erschien in mehreren Auflagen. Die letzte Ausgabe dieses Werks wurde von der «Neuen Zürcher Zeitung» 2006 sorgfältig rezensiert: «Man verharmlost die Verbrechen der Nazis kein bißchen, wenn man nicht akzeptieren will, daß sie dazu dienen sollten, Völkerrechtsverbrechen zu legitimieren, die zudem bis heute größtenteils weder moralisch anerkannt noch juristisch aufgearbeitet sind. De Zayas erkennt darin einen Präzedenzfall für spätere Vertreibungen in Palästina, Zypern, Bosnien oder Kosovo. Sein engagiertes Wirken gegen solche ‚Kriegsstrategien‘ hat bedeutenden Anteil daran, daß sich das Recht auf die Heimat in den letzten Jahren als fundamentales Menschenrecht etablieren konnte.»

Trotz dieser damals durchwegs positiven Reaktionen werden de Zayas Bücher heute totgeschwiegen, besonders in Deutschland. De Zayas kommentiert denn auch: «Der Zeitgeist will keine Geschichte, sondern politisch-nützliche Karikaturen. Niemand interessiert sich mehr für grundlegende Korrekturen eines einseitigen Geschichtsbildes.»

Die deutschen Vertriebenen     Alfred M. de Zayas. Die größte Vertreibung und Deportation der Menschheitsgeschichte Mehr als 15 Millionen Menschen deutscher Volkszugehörigkeit wurden in den Jahren 1944 bis 1948 aus ihrer Heimat vertrieben. Mehr als zwei Millionen Menschen haben diese Vertreibung nicht überlebt. Ein Thema, das in Deutschland noch immer ein Tabu ist. Beim Gedenkrummel aus Anlaß des Kriegsendes vor 60 Jahren drückten sich Politiker und Massenmedien peinlich vor der Erinnerung an die deutschen Vertreibungsopfer. Das »beschämende Gezerre« um ein »Zentrum gegen Vertreibung« in Berlin ist kaum noch nachzuvollziehen. So muß es auch hier einmal wieder ein ausländischer Völkerrechtler sein, der amerikanische Professor Dr. Alfred de Zayas, der sich dieses brisanten Themas annimmt und in vorbildlicher Weise die Schieflage in der landläufigen Diskussion korrigiert. Er zeigt, mit welcher Bestialität die Vertreibung von den Siegern vollzogen wurde und läßt auch die schrecklichen Greueltaten nicht unter den Tisch fallen, die der größte Bevölkerungstransfer aller Zeiten mit sich brachte. »In diesem Buch wird spürbar, wie tief der Verfasser das den Vertriebenen angetane Unrecht empfindet und wie stark er die Verpflichtung fühlt, als Nichtbetroffener das Geschehen der Jahre 1944 bis 1947 zu erforschen und darzustellen, ohne Angst, damit sorgfältig abgegrenzte Tabu-Zonen zu verletzen.« FAZ gebunden, 247 Seiten, 2006

Ähnliches Schicksal ereilte auch das von de Zayas 1979 veröffentlichte Buch über «Die Wehrmachtsuntersuchungsstelle». Die 1939 vom deutschen Oberkommando der Wehrmacht ins Leben gerufene Behörde sollte Verstöße gegen das Völkerrecht von gegnerischen Militär- und Zivilpersonen gegen Angehörige der deutschen Wehrmacht feststellen und die gegen deutsche Soldaten erhobenen Vorwürfe untersuchen. Daß das Thema eine gewisse Brisanz beinhaltet, war klar, hatten doch die USA die Akten der deutschen Wehrmacht 1945 beschlagnahmt und in die USA gebracht. Erst nach mehr als 25 Jahren kamen sie wieder zurück in die Bundesrepublik. De Zayas wurde bei dieser umfangreichen Forschungsarbeit von einem holländischen Historikerkollegen, namens Walter Rabus, unterstützt.

Die deutsche Wochenzeitung «Die Zeit» würdigte damals die Arbeit: «Dieses Buch, das wissenschaftliches Neuland erschließt, ist im Beweisgang sorgfältig abgestützt; es formuliert und wertet behutsam.» Auch «Die Welt» attestiert de Zayas Buch einen hohen Grad an Bedeutung: «Eine der wichtigsten Veröffentlichungen der Zeitgeschichte».

In seinem letzten großen Werk «Völkermord als Staatsgeheimnis» geht de Zayas der Frage nach, was die deutsche Bevölkerung über den Holocaust gewußt hat. Dieses Buch ist indirekt ein Plädoyer gegen die Kollektivschuld der Deutschen. Damit steht de Zayas in direktem Widerspruch unter anderem zum deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, der bei seinem kürzlich erfolgten Besuch der Holocaust-Gedenkstätte Yat’ Vaschem in Israel sagte: «Unfaßbare Schuld haben wir Deutsche auf uns geladen.»

Akribisch hat de Zayas die Akten studiert, deutsche Politiker wie Albert Speer, Admiräle wie Karl Dönitz, Zeitzeugen, Holocaust-Überlebende, 150 ehemalige Wehrmachtsrichter persönlich interviewt und ist so zu seinen Erkenntnissen gekommen. Professor Arnulf von Baring, in Deutschland eine bekannte Größe, der bis 1983 Mitglied der SPD war und im Laufe seines Lebens verschiedene politische Ämter in Deutschland bekleidete, rezensierte de Zayas Buch ausführlich im «Tagesspiegel». So schrieb er unter anderem: «De Zayas, seriöser amerikanischer Völkerrechtler und Deutschlandexperte, bis zu seiner Pensionierung im Büro des UN- Hochkommissars für Menschenrechte in Genf tätig, geht seit fast 40 Jahren intensiv der Frage nach, wer was wann und wie viel über den Holocaust wußte … Alfred de Zayas hat frühzeitig viele wichtige Zeitzeugen befragt und hinterfragt, Ankläger und Verteidiger der Nürnberger Prozesse eingehend interviewt und alle einschlägigen Akten gelesen. Sein Buch ‚Völkermord als Staatsgeheimnis’ ist die Summe einer jahrzehntelangen Forschertätigkeit. Es geht umfassend der strittigen Frage nach, was die Generationen unserer Eltern und Großeltern von den Massenverbrechen des ‚Dritten Reiches’ wußten, während sie begangen wurden. Er ist überzeugt und belegt es eindrucksvoll, daß von einer verbreiteten oder gar allgemeinen Kenntnis der Mordaktionen keine Rede sein kann, noch viel weniger von deren Billigung. Die Geheimhaltung der Vernichtungsaktionen ist innerhalb der Staats- und Wehrmachtsführung offenbar in einem Ausmaß gelungen, das heutige Zeitgenossen für unmöglich halten.»

Heute amtiert de Zayas als Unabhängiger Uno-Experte und setzt sich unablässig für Frieden, Gerechtigkeit und im Besonderen für die Einhaltung der Menschenrechte und der UNO-Charta ein. So beurteilte er seine Wahl für dieses Amt auch als «Honorierung seiner Jahrzehnte langen Forschungsarbeit.» «Wenn ich nicht wissenschaftlich gearbeitet hätte, wäre mir dieses Amt nie zuteilgeworden.» De Zayas größter Geburtstagswunsch ist, «daß meine Bücher gelesen werden, daß sie im Gymnasialunterricht eingesetzt werden und darüber eine aufrichtige Diskussion entsteht.» Das Schlimmste sei, wenn einfach geschwiegen werde und es weitergehe, als sei nichts gesagt worden. Dennoch seien viele Opfer für seine Publikationen dankbar: «deutsche Vertriebene, Kinder und Enkel von Wehrmachts-Soldaten, Holocaust-Überlebende, Armenier, Zyprioten, Palästinenser, Tamilen, Sahraouis, Menschen aus Biafra, amerikanische Autochthonen (fälschlich als ‚Indianer’ bezeichnet), australische Aborigines, verfolgte Christen in Syrien, der Türkei, im Irak usw.»

Alfred de Zayas möchte dazu beigetragen haben, eine Zukunft der Menschenwürde vorzubereiten.

Die Wehrmacht-Untersuchungsstelle für Verletzungen des Völkerrechts

De Zayas, Alfred M.

Wer die Debatte über die Ausstellung Verbrechen der Wehrmacht kennt, weiß auch, daß Wehrmachtsoldaten nicht nur Täter, sondern auch Opfer von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit wurden. Dieses Buch, das große wissenschaftliche Anerkennung genießt und mehrere Auflagen in Amerika erlebt hat, dokumentiert dies. Die Wehrmacht-Untersuchungsstelle für Verletzungen des Völkerrechts wurde 1939 eingerichtet, mit der Aufgabe, völkerrechtswidrige Handlungen der Kriegsgegner Deutschlands zu dokumentieren. Die Unterlagen dienten juristischen und diplomatischen Stellen des NS-Staates für Weißbücher, Protestschreiben und Anklagen gegen Kriegsgefangene. Der Autor hat als erster die 226 erhaltenen Aktenbände ausgewertet. Diese Akten befinden sich im Bundesarchiv Militärarchiv Freiburg im Breisgau. Ausländische Archive wurden auch konsultiert, um die Zuverlässigkeit der deutschen Akten zu verifizieren. Mehr als 300 ehemalige Militärrichter und Zeugen wurden persönlich aufgesucht und mit ihren damaligen Ermittlungen und Aussagen konfrontiert. Dieses Buch legt zugleich eine behördengeschichtliche und völkerrechtliche Studie vor: Im ersten Teil untersucht de Zayas die Glaubwürdigkeit der Institution und des Aktenkorpus, im zweiten Teil schildert er anhand ausgewählter Fälle die Vorgehensweise und die Ergebnisse der Untersuchungsstelle: Schwere Kriegsverbrechen werden dokumentiert.

Nemesis von PotsdamDie Nemesis von Potsdam

Alfred M. de Zayas

Dieses Standardwerk über die Vorgeschichte, den Verlauf und die Folgen der Vertreibung der Deutschen aus den ehemaligen Ostgebieten erregte bereits 1977, nach Erscheinen der englischen Originalfassung (Nemesis at Potsdam), großes Aufsehen.

In der vorliegenden ergänzten und aktualisierten Fassung untersucht de Zayas vor allem die verhängnisvolle Rolle der Westalliierten. Dabei widerlegt er die sowjetisch-polnisch-tschechische These, wonach die Umsiedlung in Übereinstimmung mit Artikel XIII des Potsdamer Protokolls erfolgte und skizziert die anglo-amerikanischen Vorstellungen von einer »geregelten und humanen« Umsiedlung. Er kritisiert Churchills Leichtfertigkeit in Teheran und Moskau sowie den Dilettantismus Roosevelts, zeigt aber auch den Lernprozeß Churchills bis und nach Potsdam sowie die Anstrengungen der USA, die Vertreibung zu beschränken.

Darüber hinaus behandelt de Zayas die Aufnahme und Integration der Vertriebenen in der Bundesrepublik sowie die Charta der Heimatvertriebenen und die völkerrechtliche Normierung des Rechts auf die Heimat durch die Vereinten Nationen und den Europarat. Schließlich zeigt der Autor die Perspektiven auf, die sich 60 Jahre nach der Vertreibung ergeben, unter Berücksichtigung der geplanten Gründung des »Zentrums gegen Vertreibungen« in Berlin und der Ost-erweiterung der EU in Polen und Tschechien.