Auf den Spuren Karl Mays – Ein deutscher Auswanderer an der Seite der Indianer

13. September 2014 von Gastautor: Eva Herman
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13. September 2014  Eva Herman im Gespräch mit Rolf Bouman. Seit fast dreißig Jahren lebt der deutsche Auswanderer Rolf Bouman nun in Nova Scotia, an der Ostküste Kanadas. Nachdem er hier wirtschaftlich Erfolg hatte, war es ihm endlich möglich, sein Anliegen zu verwirklichen und etwas für die Förderung und den Erhalt der noch verbliebenen Indianer dort und ihrer Kultur zu tun. Mit dem „Friends United“ indianischen Kulturzentrum hat er die größte Begegnungsstätte Ostkanadas für die Kultur und Kunst der „First Nations“ geschaffen.

Auf die Frage, warum eigentlich ausgerechnet ein deutscher Zuwanderer es ist, der hier in Neuschottland so ein großes und bekanntes Kulturzentrum errichtet und ausstattet, erzählt der erfolgreiche Immigrant, daß es gerade zwischen Deutschen und Indianern eine große Affinität gibt. Das ist zum einen das Verdienst von Karl May, dem berühmten Schriftsteller, dessen Wildwest-Romane zur Standardliteratur heranwachsender Kinder und Jugendlicher gehört. Wer bewundert nicht den edlen Krieger Winnetou, wer hat nicht tränennasse Augen gehabt, wenn der berühmte Apachenhäuptling für seinen deutschen Freund Old Shatterhand sein Leben opfert und die tödliche Kugel aus dem Gewehrlauf des Oberschurken mit seinem Körper abfängt? Die Romane Karl Mays haben das Bild der Deutschen von den Amerikanischen Ureinwohnern maßgeblich bestimmt.

Das zeigte sich auch im und nach dem Zweiten Weltkrieg. Manche Indianer waren in der Kanadischen Armee und im Krieg in Deutschland stationiert. In dieser Zeit bemerkten sie, welchen Respekt, ja Bewunderung die Deutschen ihnen entgegenbrachten. Auch die in Kanada internierten deutschen Kriegsgefangenen hatten bald guten Kontakt zu den Leuten der First Nations. Viele deutsche Gefangene heirateten indianische Frauen und blieben dort. Ein kürzlich verstorbener Freund Rolf Boumans, Chief Lawrence Paul, war als 16jähriger Rekrut der kanadischen Streikräfte in Deutschland gewesen und war von den Deutschen sehr eingenommen. Als er später Häuptling war und viel zu entscheiden hatte, vereinfachte das die Zusammenarbeit mit Rolf sehr.

Tatsächlich müssen die Indianer auch heute noch sehr tapfer sein und kämpfen, denn ihre Lage ist nach wie vor nicht rosig. Noch bis 1960 waren sie und ihre ganze Kultur in arger Bedrängnis. Obwohl ihnen einst das ganze Land gehört hatte, was man ihnen mit Gewalt weggenomen hat, stellen sie heute nur noch ein Prozent der Bevölkerung und besitzen fast gar kein Land mehr.  Bis weit in das 19 Jahrhunder hinein, galt ein Indianerleben als unwert. Die Stämme wurden in den Auseinandersetzungen zwischen Engländerund Franzosen hineingezogen und viele Krieger starben in diesen Kriegen. Der Gründer der Stadt Halifax, Edward Cornwallis, steht heute noch hochgeehrt als Bronzestatue im Park der Stadt. Er ist maßgeblich mitverantwortlich für die Ausrottung der Indianer. Er setzte ein Preisgeld auf jeden indianischen Skalp aus, der ihm gebracht wurde. Indianer wurden dadurch einfach so und für Geld getötet – Männer, Frauen und Kinder. Erst als die angeschleppten Skalps immer hellhaariger wurden, war klar, daß die Kopfgeldjäger mangels Indianern auch Weiße skalpierten, um an die Prämien zu kommen – und der Grausamkeit wurde ein Ende gesetzt.

Ein sehr aufschlußreiches Gespräch, das einmal deutlich macht, daß mit staatlichen Enschädigungszahlungen nicht einfach aus der Welt zu schaffen ist, was einem Volk angetan wurde. Die Indianerkinder, die bis 1960 aus ihren Familien gerissen wurden, um unter der Fuchtel der katholischen Kirche „rekonditioniert“ zu werden, können heute noch ein Lied davon singen. Diese „Residential School Survivors“ genannten Natives haben einen langen Leidensweg hinter sich, viele haben diese Erziehung und Vereinsamung nicht überlebt. Aber auch die Überlebenden können die Entfremdung von ihren Familien, die Entwürdigungen und Mißhandlungen kaum überwinden, haben Alkohol- und Drogenprobleme und sind emotional kaum in der Lage, ihre eigenen Kinder zu erziehen und gut zu versorgen. Nicht ohne Grund ist die Selbstmordrate unter indianischen Kindern auch heute noch erschreckend hoch.

In dieser Situation ist das indianische Kulturzentrum einer der Orte, an denen eine neue Zeit beginnt. Nicht nur wird hier indianische Kultur und Kunst geehrt und gezeigt, den Künstlern eine Lebensgrundlage ermöglicht – auch die jungen Leute und Kinder der Natives lernen hier wieder, ihre Sprache und Kultur zu lieben und zu schätzen, ihre Wurzeln zu entdecken und wieder das Leben und die Spiritualität zu verstehen, wie es ihre Vorfahren gelebt haben.

 

David Brooks – die Familie, das Herz aller Dinge