50.000 Kinder pro Jahr – Der große Baby-Markt

24. April 2017 von Gastautor: IDAF, Jürgen Liminski
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24. April 2017 (IDAF, Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V.) „Kinderwunsch – Wunschkind – Designerbaby“ – so lautet das Motto, unter das die katholische und evangelische Kirche in Deutschland die diesjährige bundesweite „Woche für das Leben“ (29. April bis 6. Mai) gestellt haben. Aus gutem Grund. Denn die Reproduktionsmedizin, die bis zur Geburt von Louise Brown – dem weltweit ersten Retortenbaby – am 25. Juli 1978 in Royal Old Hospital in Manchester, vielen als „Science Fiction“ galt, ist längst zum „Big Business“ mutiert, einem rasant wachsenden Industriezweig, der vielerorts blühende Laborlandschaften hervorbringt.

2014 schätzte das Marktforschungsunternehmen „Allied Market Research“ mit Firmensitz in Portland im US-Bundesstaat Oregon das Volumen für die Geschäfte mit und um die Laborzeugung weltweit auf rund 9,3 Milliarden US-Dollar (8,7 Milliarden €) und prognostizierte bis zum Jahr 2020 einen Anstieg auf 21,6 Milliarden US-Dollar – umgerechnet 20,2 Milliarden Euro. Laut einer Marktanalyse des US-amerikanischen Branchenriesen „Market Data Enterprises“ (Tampa/Florida) gibt es allein in den USA mehr als 100 Samenbanken und 481 Reproduktionskliniken, in deren Labors jedes Jahr mehr als 50.000 Kinder erzeugt werden. Dabei umfaßt die Angebotspalette längst weit mehr als die bei Louise Brown zum Einsatz gekommene In-Vitro-Fertilisation (IVF) und reicht heute von Gentests, mit denen Eltern ihre im Labor erzeugten Embryonen auf mehr als 400 vererbbare Krankheiten testen lassen können, bevor sie in den Uterus der Mutter implantiert werden, über das Arrangement von Leihmutterschaften speziell für homosexuelle Paare bis hin zur Geschlechtsselektion mittels Präimplantationsdiagnostik (PID) und zum sogenannten „social freezing“.

Das Einfrieren von Eizellen ohne medizinische Indikation sorgte erstmals im Herbst 2014 für Schlagzeilen, als der amerikanische Fernsehsender NBC meldete, die IT-Riesen „Facebook“ und „Apple“ zahlten weiblichen Angestellten bis zu 20.000 US-Dollar, wenn diese ihre Eizellen einfrören und ihren Kinderwunsch aufschöben, um sich in jungen, fruchtbaren Jahren ganz ihrer Karriere in den Konzernen zu widmen . Rund 10.000 Dollar kostet das Verfahren, bei denen Frauen sich zunächst einer Hormonbehandlung unterziehen, um statt der einen Eizelle binnen eines Zyklus möglichst viele Eizellen heranreifen zu lassen. Dabei wird das Wachstum der Follikel laufend mittels Ultraschall kontrolliert. Am Ende der Hormonbehandlung werden die Eierstöcke der Frauen über die Scheide mit einer Nadel punktiert und die Eizellen abgesaugt. Anschließend werden diese einer Qualitätsprüfung unterzogen und schließlich bei –196 Grad Celsius in flüssigem Stickstoff nach einem relativ neuen Verfahren schockgefroren. Die Kosten für die anschließende Lagerung der Eizellen betragen in den USA rund 500 Dollar pro Jahr .

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Das Glück, Großeltern oder gar Urgroßeltern zu werden, wird es bei dieser Technik kaum noch geben. Der Wunsch nach Kindern läßt im Laufe der Jahre deutlich nach, und wer mit 50 einen gewissen Luxus erreicht hat, überlegt es sich wahrscheinlich sehr genau, ob er im Großelternalter nochmal Säuglinge aufzieht.

Geht es nach Carl Djerassi, wird das „SocialFreezing“ die menschliche Fortpflanzung binnen weniger Jahre noch einmal radikal verändern. Der 2015 verstorbene amerikanische Chemiker, der mit der Synthetisierung des Sexualhormons Norethisteron die Voraussetzungen für die Entwicklung der Anti-Baby-Pille schuf, war fest davon überzeugt, daß auf den von ihm ermöglichten „Sex ohne Zeugung“ schon bald eine weitere gesellschaftliche Revolution folgen werde: „Die Zeugung ohne Sex“. Mittels „Social Freezing“ würden Männer und Frauen in fruchtbaren Jahren ihre Spermien und Eizellen einfrieren lassen, um sie später – wenn sie den passenden Partner gefunden und ihre berufliche Karriere hinreichend vorangetrieben hätten – von Reproduktionsmedizinern auftauen und im Labor befruchten zu lassen.

Eine These die auch der Zukunftsforscher Sven Gabor Janszky vertritt. „Der Trend zu den späten Eltern ist schon in der Vergangenheit seit vielen Jahren zu beobachten. Er wird sich aufgrund der Verlängerung der Lebenserwartungen nochmals verstärken“, erklärt Janszky. In seinen Büchern prognostiziert der Trendforscher eine Zunahme so genannter „später Familien“. „Besonders für die späten Familien“ sei die Reproduktionsmedizin „ein Segen“. Denn es sei erwiesen, „daß die Qualität der menschlichen Ei- und Samenzellen über die Jahre nachläßt.“ In fortgeschrittenem Alter seien die Keimzellen „von zahlreichen Mutationen gezeichnet, die die Chance auf ein gesundes Kind verringern. Dies ist der Grund, warum es für viele Eltern eine lohnenswerte und sehr menschliche Konsequenz sein wird, in jungen Jahren ihre Ei- und Samenzellen für eine spätere Nutzung einzufrieren“, so Janszky. Inwiefern solche Methoden noch menschlich sind und ob überhaupt das Diktat des Marktes auch diese Bereiche des Lebens besetzen sollte, sind nur zwei von vielen Fragen, die in der Woche des Lebens kritisch debattiert werden sollten.

V.i.S.d.P.: Jürgen Liminski (Geschäftsführer iDAF)

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