Der Gauckler

10. Mai 2014 von Niki Vogt
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10. Mai 2014 (von Niki Vogt) Seit Februar 2014 läuft eine subtile Kampagne, um die Bevölkerung dafür reif zu machen, regelrechte Kriegseinsätze der Bundeswehr zu tolerieren. Das ging schon los, als der Afghanistan-Einsatz plötzlich offiziell „Krieg“ genannt werden durfte. Seitdem wird langsam und schleichend die Bundeswehr für alle möglichen Kriege angefordert, in denen wir nichts, aber auch gar nichts zu suchen haben. Einer derer, die sich dabei besonders hervortun, ist Bundespräsident Joachim Gauck.

Völlig wurscht, daß das deutsche Volk (oder die deutschen Völker) alles, nur in keinen Krieg verwickelt werden wollen – vollkommen wurscht, daß die weitaus überwiegende Mehrheit der Deutschen ihre Bundeswehr nur und ausschließlich zur Selbstverteidigung auf deutschem Boden wollen (wozu sie im Übrigen auch nicht wirklich in der Lage ist), die deutsche Politik verfolgt andere Pläne – nämlich die der US-Regierung. Und seit der Ukraine-Krise wird der Chor der Berliner Erynnien immer lauter. Unter den Mainstreammedien hat „Monitor“ eine beachtenswert kritische Sendung ausgestrahlt.

Anmoderation: „Schneller, früher, effektiver – klingt fast so wie bei den Olympischen Spielen, aber dahinter verbirgt sich etwas ganz anderes. Wer dem Bundespräsidenten, der Verteidigungsministerin und dem Außenminister in den letzten Wochen ganz genau zugehört hat, der hat eine ungefähre Ahnung davon bekommen, wohin die außenpolitische Reise Deutschlands in den nächsten Jahren gehen soll. Deutschland soll künftig nicht mehr an der Außenlinie stehen, wenn es um die großen Kriege und Konflikte geht. Als seien Auslandseinsätze der Bundeswehr so etwas wie Fußballspiele. Und als sei der Afghanistaneinsatz der Bundeswehr nicht gerade krachend gescheitert …“

Auf der letzten Münchener Sicherheitskonferenz forderte Bundespräsident Gauck öffentlich ein Ende der deutschen Zurückhaltung und eine stärkere Rolle in der Welt. Damit meinte er auch ausdrücklich ein militärisches Engagement! Und er gab bekannt, daß die Bundesrepublik sich ganz bewußt in den Dienst der Neuen Weltordnung stellen müsse: „Deutschland sei „überdurchschnittlich globalisiert“ und profitiere daher „überdurchschnittlich von einer offenen Weltordnung“. Es sei daher für Deutschland das ‚wichtigste außenpolitische Interesse im 21. Jahrhundert‘, diese offene internationale Ordnung zu erhalten und zukunftsfähig zu machen.“ (FAZ online)

Diese offene, internationale Ordnung ist auch allgemein unter dem Begriff „Raubtierkapitalismus“ bekannt. Ist es nicht irgendwie und ganz eigenartigerweise ein ungeheuerer Zufall, daß diese ganze Entwicklung und Beeinflussung hin zur Kriegsbereitsschaft gerade so schön passend zur Ukraine-Krise und einem hinter den Kulissen geplanten Dritten Weltkrieg der NATO gegen Rußland stattfindet? Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Wundervoll, diese wohlformuliert pseudo-moralischen Schwurbelsätze Gaucks:

„Ergreift die Bundesrepublik genügend Initiative, um jenes Geflecht aus Normen, Freunden und Allianzen zukunftsfähig zu machen, das uns Frieden in Freiheit und Wohlstand in Demokratie gebracht hat?“

„Er erkannte an, dass militärische Beiträge von Deutschland wegen seiner historischen Schuld aus der Zeit des Nationalsozialismus lange nicht verlangt worden seien. Doch nun dürfe Pazifismus kein Deckmantel für Bequemlichkeit werden. Er bestritt, dass Deutschland wegen seiner Geschichte dauerhaft ein „Recht auf Wegsehen“ erworben habe. Dies führe zu ’so etwas wie Selbstprivilegierung“‘.

Ha! Pazifismus als „Mantel für Bequemlichkeit“ abzutun, ja, zu dikreditieren ist ja wohl eine bodenlose Unverschämtheit und dreiste Verdrehung!

Aber es kommt noch besser. Mal eben nebenbei löscht Superpfarrer Joachim Gauck kraft eigener Selbstüberschätzung die uns fast 70 Jahre eingebläute deutsche Generalschuld an allen Kriegen und allem, was böse war und ist: „Der Bundespräsident forderte die Deutschen auf, ihr Selbstbild zu korrigieren. Deutschland sei heute „ein grundlegend gebessertes Land“, stellte er fest; es sei „das beste Deutschland, das wir kennen“.

Ach was? So einfach geht das? Na, das ist ja großartig. Wie hieß der schöne Spruch zur Lutherzeit über den schändlichen Sündenablaßhandel der katholischen Kirche? „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Feuer springt!“. Und siehe da, wenn die NWO die Deutschen (und – macht Euch nichts vor: Die Europäer!) als Kanonenfutter und Aufmarschgebiet für einen dringend nötigen Dritten Weltkrieg braucht, dann sind wir doch wieder wer! Kriegsschuld? Och nöö, das war doch gestern. Kommt Jungs, auf geht’s, stellt Euch nicht so dran, Schwamm drüber! Auf geht’s auf’s Schlachtfeld!

Ein grundlegend gebessertes Land? VIELLEICHT. Aber wenn wirklich, dann genau eben darum, weil wir gelernt haben, daß so etwas wie Weltkriege und Menschenschlachterei NIE WIEDER passieren darf. Und genau unser von Gauck so schwülstig gefordertes, noch nicht ausradiertes Selbstbewußtsein lehrt uns, daß wir uns – und unsere europäischen Brüder und Schwestern (einschließlich Rußland! Und auch einschließlich der US-Amerikanischen GIs!) nicht für die Interessen der globalen Machtelite verheizen lassen.

Joachim Gauck, sorgsam aufgebaut und mit einer professionellen Imagekampagne im Markt eingeführte Moral-Ikone, mimt die oberste moralische Instanz Deutschlands. Bevor er überhaupt als Bundespräsident gewählt wurde, wurde er in den Medien schon gehypt und geradezu ein Heiligenkult um ihn aufgebaut als moralisch integrer Widerstandskämpfer, aufrichtiger Gutmensch, tapferer Pfarrer und mahnendes Gewissen Deutschlands. Aber … stimmt das überhaupt?

Bild: Wikipedia/Martin Kleinschmidt/MSC, Joachim Gauck, 11. Bundespräsident der BRD. Eine professionelle Imagekampagne zur Markteinführung

Ein Rückblick

Eine Webseite – drei Wörter: „Wir für Gauck“. Jeder kann sich eintragen, und 10900 hatten es bis Anfang März bereits getan. „10900 wollen, dass Joachim Gauck Bundespräsident wird“, steht da zu lesen … and counting. Die beste Begründung, so findet der Initiator der Seite, habe Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrer Laudatio zum 70. Geburtstag des Ersehnten gegeben: „Weil wir immer wieder Debatten brauchen, weil wir uns immer wieder miteinander austauschen müssen, ist es so gut, daß wir Sie, Herr Gauck, haben. Denn Sie legen den Finger in die Wunde, wenn Sie eine Wunde sehen, aber Sie können auch Optimist sein und sagen: Es geht voran. Beides brauchen wir. Danke, daß es Sie gibt. Danke, daß Sie weiter da sind.1

Wie zutiefst ernst sie diese wundervollen Worte ihres begabten Redenschreibers meinte, offenbarte sich zuletzt bei der Kandidatenschau, als es um einen designierten Präsidenten aller Parteien ging, nachdem der smarte Christian ausgewulfft hatte, und nun die Sedisvakanz nach einem charismatischen Heilsbringer verlangte. Wie das mittlerweile an alles gewöhnte Wahlvolk schon vorher vermutete, lief es sehr schnell auf den Kandidaten vom letzten Mal zu. Nur mit Ach und Krach konnte damals Christian Wulff, der Liebling der Kanzlerin, in drei Wahlgängen durchgeboxt werden. Danach galt Gauck als der heimliche Präsident der Herzen. Kein Wunder, mit den Medien und den Einflußreichen konnte er immer, der Herr Pastor. Gemeinsam baute, feilte und polierte man am Image des aufrechten, eigenwilligen, kämpferischen, unverbiegbaren Bürgerrechtlers und lupenreinen Demokraten.

„Eigenwillig“ mag man ihm gern attestieren. Er prescht gern vor mit Kritik oder Lob, und schmeißt Steine in Wespennester. Herrn Sarrazin Mut zu bescheinigen bedarf unzweifelhaft desselben und wirkt zumindest weder bemüht integrativ noch besonders klug, geschweige denn diplomatisch. Aber gut, das mag ja seine persönliche Meinung sein, und über Thilo Sarrazins Analyse bei dem brennenden Problem der überwiegend gescheiterten Integration kann man in der Tat trefflich streiten. Bisweilen offenbaren seine Levitenlesungen aber auch schlicht und ergreifend, daß er nichts davon versteht, was er da sagt.

Die Bewegung „Occupy Wall Street“ zum Beispiel besteht sicherlich nicht aus lauter Ökonomie-Experten und Wirtschaftsphilosophen, ist aber ein beachtenwertes Zeichen und Symptom für eine Neuausrichtung und Nachdenklichkeit. Die Menschen erkennen und ahnen weltweit, daß sich das gegenwärtige Wirtschafts- und Finanzsystem in einer tiefen, existenziellen Krise befindet. Mehrfach konnte der Zusammenbruch des Gesamtsystems nur um Haaresbreite und mit konzertierten Aktionen verhindert werden, zum Beispiel im November 2011. Die Flutung der europäischen Banken mit über einer halben Billion Euro, geschah als Notoperation, um einen ansonsten unvermeidlichen Staatsbankrott Griechenlands abzufedern und einen Bankenkollaps – schlimmstenfalls rund um den Globus – zu vermeiden. Und solche Alarmaktionen und Brachialmaßnahmen (Zypern) gibt es immer wieder. Grund genug, sich Sorgen zu machen, über systemische Schwächen nachzudenken und auf die wachsende Entrechtung und Ausbeutung des Bürgen in letzter Instanz, nämlich Otto Normalverbraucher, hinzuweisen. Das geißelte Gauck nicht nur als „unsäglich alberne“ Kapitalismusdebatte, er unterstellt den Kritikern des scheiternden Euro-Projektes, des fraktionalen Bankensystems und der Zinseszinsproblematik gleich mal fröhlich unlautere Motive: „Es geht nicht um eine Alternative, sondern den Frust, die Sorge und die Angst eines angstwilligen Publikums zu zu befeuern.“ Herr Bundespräsident Gauck, setzen. Sechs.

Daß Pastor Gauck seine Lebensweisheiten über ökonomische Zusammenhänge aus dem Anschauungsunterricht bezieht, den er hautnah im Scheitern des Sozialismus/Kommunismus miterleben mußte, ist menschlich. Auch, daß er die Planwirtschaft als Wurzel des Übels ausmacht, und seither gerne, oft und laut verdammt, ist richtig – aber keine sonderliche Erkenntnis. Daß Wirtschaft nicht planbar ist, sagt schon die Österreichische Schule und wird gerade exemplarisch in Griechenland, Porugal, Spanien … vorgeführt.

Die Tatsache aber, daß aufgrund der immer größeren staatlichen Eingriffe des Staates in das wirtschaftliche und soziale Gefüge jedes Landes, schon aus reiner finanzieller Notlage eine neue, kapitalistische Planwirtschaft entstanden ist, kann er nicht erkennen. Die dramatische Überschuldung der Staaten, der Kommunen, der Institutionen und der Bürger selbst erfordert, das System immer weiter zu retten. Überall das hektische Eingreifen des Staates – sei es zur Rettung am einen Ende oder zur Rekrutierung der nötigen Ressourcen am anderen. Wie würde er denn all die Vorgaben und Bedingungen der EU oder des IMF nennen? Was sind denn die strengen  Defizitvorgaben anderes? Woher sollen denn die Geberländer die immensen, erforderlichen Mittel bereitstellen? Es mag ja in der ehemaligen DDR so ausgesehen haben, als sei der Kapitalismus der Herzschlag des leuchtenden Westens. Viele haben damals Kapitalismus mit Freiheit assoziiert. Heute werden wir alle Zeuge, wie der niedergehende Kapitalismus in seiner Endphase alle Menschen zu rechtlosen Schuldensklaven macht, und wieder einmal eine Nomenklatura ihren Arsch so lange wie möglich zu retten versucht.

Als Pastor muß Gauck keinen besonderen ökonomischen Sachverstand haben. Wenn er aber als Bundespräsident die brennenden Sorgen, das Aufbegehren gegen den Verlust der Demokratie und der Bürgerrechte und die Angst vor einem Systemkollaps die brennende Angst vor einem neuen Krieg und dessen Folgen als „deutsche Neigung zu Hysterie und Angst“ abkanzelt, die er auch noch als „abscheulich“ bezeichnet, ist das einfach nur borniert, realitätsfremd, ignorant und dumm. Wenn er Häme über die Stuttgart 21-Protestler ausschüttet, die nur „ihren Vorgarten“ schützen wollen und die Segnungen eines tollen, modernen Bahnhofs (dessen Kosten restlos aus dem Ruder laufen) nicht begreifen, fragt man sich, ob denn die ignoranten Montagsdemonstranten in Leipzig nicht auch einfach den fortschrittlichen Sozialismus nicht kapiert haben, und nur aus „Vorgartengründen“ chronisch rumgenörgelt haben. Einem Bürgerrechtler und Widerstandskämpfer Gauck müßten doch die Stuttgarter Kämpfer zumindest geistig nahestehen.

Vielleicht liegt es aber auch daran, daß Pastor Gauck zur Zeit der DDR eigentlich nicht so wirklich richtig als Kämpfer gegen das System aufgefallen ist.

Entgegen der in der bundesdeutschen Öffentlichkeit gepflegten Legende war er erst in der Endphase der DDR in der Bürgerbewegung „Neues Forum“ rührig. Einen sicheren Instinkt dafür, wie man sich in seinem Umfeld zu bewegen hat, scheint er schon früh entwickelt zu haben. Als junger Seelsorger in Mecklenburg äußerte sich Gauck tatsächlich kritisch über die Sozialistische Gesellschaft. Er versuchte, junge Menschen in der atheistisch geprägten DDR zum christlichen Glauben zu führen, geriet ins Visier der Staatsschützer und wurde unter Beobachtung gestellt. Anscheinend beschloß Gauck, es sich mit der Obrigkeit nicht zu verderben. Das zu verurteilen steht niemandem zu, der so einer Situation nicht ausgesetzt war. Offenbar tat er das geschickt und überzeugend, denn die Kreisdienststelle Rostock stellte die Beobachtung ein. Damit ließ er es aber anscheinend nicht bewenden.

Die Tatsache, dass ihm viele Vergünstigungen gewährt wurden, fiel schon damals auf. Seine Söhne durften unangefochten in die BRD übersiedeln, Gauck und seine Frau durften sie dort besuchen und sie zu Besuchen in Rostock empfangen. Das war normalerweise damals vollkommen ausgeschlossen. Er durfte sogar einen VW-Bus in Westdeutschland erwerben, nach Rostock überführen, und ihn dort auch fahren. Pastor Gauck leitete  von 1982 bis 1990 die Kirchentagsarbeit der evangelischen Landeskirche Mecklenburg. Die Ausrichtung eines Kirchentages war nur mit Wohlwollen und Unterstützung der Behörden und in enger Absprache mit dem Staatssicherheitsdienst  möglich.

Seine eigene, innere Wende kam, als ihm im Herbst 1989 klar wurde, daß die Probleme der DDR nicht mehr zu lösen, und die Tage des Systems gezählt waren. Erst nach dem Rücktritt Honeckers im Oktober beteiligte sich Gauck an den Demonstrationen und Protestaktionen. Eine Verfolgung durch die Behörden war zu diesem Zeitpunkt eigentlich nicht mehr zu befürchten. Sein sicherer Instinkt, sich selbst zu präsentieren und ein gutes Image zu schaffen, brachten ihn bald an die Spitze der Bewegung. Er wurde Sprecher des „Neuen Forums“ in Rostock. Das brachte ihm im März 1990 bei den Wahlen zur DDR-Volkskammer einen ersten Erfolg auf dem offiziellen, politischen Parkett: Er wurde zum Vorsitzenden des Sonderausschusses zur Kontrolle der Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit gewählt.

Bild: Peter-Michael Diestel und Joachim Gauck in Berlin, bei der 37. Volkskammertagung, Bundesarchiv, Bild 183-1990-0928-019 / Grimm, Peer / CC-BY-SA Am 2. Oktober 1990 wählte die Volkskammer ihn fast ohne Gegenstimmen zum „Sonderbeauftragten für die personenbezogenen Unterlagen des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes der DDR“. Von da an war das seine persönliche Domäne, die er auch erfolgreich nach dem „Beitritt“ erhalten konnte.  Mit Wirkung vom 3. Oktober1990 berief ihn Bundespräsident Richard von Weizsäcker auf Vorschlag von Helmut Kohl zum „Sonderbeauftragten der Bundesregierung für die personenbezogenen Unterlagen des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes“. Das Gesetz über den Umgang mit den „Stasi-Unterlagen“vom Dezember 1991 ermöglichte Gauck, sich als „Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR“ (BstU) zu etablieren. Er wurde vom Bundestag zunächst für fünf Jahre gewählt. Das wurde 1994 nochmals um fünf Jahre verlängert. Er bezog als Leiter einer Bundesbehörde mit mehreren tausend Mitarbeitern das Gehalt eines Staatssekretärs der Bundesregierung. Ein klasse Coup.

So ganz unbemerkt war aber sein einstmals gutes Einvernehmen mit der Stasi nicht mit den Akten verstaubt und vergessen. Der letzte Innenminister der DDR, Peter-Michael Diestel (CDU), beschuldigt Joachim Gauck (Stasi-Deckname „Larve“) geradeheraus, nicht nur als Stasi-Beauftragter, sondern selber direkt für das Ministerium für Staatssicherheitsdienst gearbeitet zu haben. In seinem Artikel in der Wochenzeitschrift „der Freitag“ im April 2000 rechnet Peter-Michael Diestel unter der Überschrift „Auf Wiedersehen, Herr Gauck“ mit dem wendigen Pastor ab. „Von meinem lieben Freund und aufrechten Bürgerrechtler Joachim Gauck existiert beim Stasi-Hauptmann Terpe ein Dossier, dessen Inhalt ausgereicht hätte, jeden anderen aus dem öffentlichen Dienst zu feuern.“

Gauck setzte sich als Leiter der Behörde, die die alten Stasi-Akten verwaltete und auswertete mit großem Engagement dafür ein, daß Akten von Opfern der Stasi nur mit deren Zustimmung nach außen gegeben werden durften. Wer in dem unübersichtlichen Geflecht von Beobachtung, Denunziation, Bespitzelung und Nötigung aber Opfer, und wer Täter war, ist nicht immer eindeutig zu definieren. Die Gauck-Behörde – und damit IM Larve selbst – entschied also, wer Täter und wer Opfer war, wie praktisch. Diestel will auch beobachtet haben, daß die Akten und ihr brisanter Inhalt  politisch benutzt und zur Kaltstellung und Diffamierung Unliebsamer eingesetzt wurden: „Wundersam gelangten Akten termingerecht zu Politikern, die sie gezielt einsetzten – zum Beispiel gegen den Alterspräsidenten, Dissidenten und wirklichen Bürgerrechtler Stefan Heym. Gott weiß, wie viel Geld floß, damit elektronische und Printmedien die sensationellen IM-Stoffe nicht ausgingen … Keine andere Bundesbehörde dürfte sich das leisten, ohne daß ihr Chef den Hut nehmen müßte.“

Nachdem Gauck sich 2000 nach einer verlorenen Wahl sofort von CDU/CSU und aus dem Schatten seines Förderers Kohl löste, weil er sich bessere Chancen im jetzt regierenden linksgrünen Lager ausrechnete, bedachte er Helmut Kohl zum ersten Mal öffentlich mit harscher Kritik. „Charakterlump nannte man früher jemanden, der sich borniert, undankbar und selbstsüchtig gegen die wendet, die ihn einst förderten“ urteilte damals Peter-Michael Diestel.

Siehe dazu auch das neueste Interview mit Dr. Klaus Blessing, damals Staatssekretär im DDR-Wirtschaftsministerium und Michael Friedrich Vogt: „Gauck-der richtige Mann oder der Bock zum Gärtner?“