Wie Wölfe die Flüsse verändern können

24. Februar 2014 von QUERDENKEN-REDAKTION
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(Bild: Wikipedia Commons/Martin Mecnarowski) Eine der aufregendsten wissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten fünfzig Jahre war die Entdeckung von ausgedehnten „Trophischen Kaskaden“. Eine solche Trophische Kaskade ist ein ökologischer Prozeß, der ganz oben in der Nahrungskette beginnt, und dann bis zum Grund hinunter rollt.

Ein klassisches Beispiel hierfür ist, was im Yellowstone-Nationalpark in den USA passierte, als dort 1995 wieder Wölfe angesiedelt wurden. Sicher, wir alle wissen, daß Wölfe verschiedene Tierarten töten. Aber vielleicht sind wir uns gar nicht darüber im Klaren, daß sie vielen anderen Tieren das Leben erst ermöglichen.

 

Bevor die Wölfe nach 70jähriger Abwesenheit wieder auftauchten, war die Anzahl an Hirschen im Yellowstone Park ständig gestiegen, denn niemand jagte sie. Und trotz aller Bemühungen des Menschen, ihre Ausbreitung zu kontrollieren, konnten die Tiere die Vegetation so stark reduzieren, daß kaum noch etwas übrig war. Sie hatten es einfach abgeweidet.

Doch, sobald die Wölfe kamen – obwohl es nur wenige waren – zeigte ihr Vorhandensein bemerkenswerte Wirkung. Zuerst einmal töteten sie einige Hirsche, aber das war nicht die Hauptsache. Viel wirkungsvoller war, daß die Wölfe das Verhalten der Rehe und Hirsche drastisch veränderten. Das Wild fing an, bestimmte Teile des Parks zu meiden – nämlich die Stellen, an denen sie am leichtesten in die Enge getrieben werden konnten. Das sind insbesondere die Talsenken, Gräben und Schluchten.

Das führte dazu, daß sich diese Stellen sehr schnell regenerierten. In manchen Bereichen verfünffachte sich das Baumwachstum innerhalb von sechs Jahren. Kahle Berghänge wurden zu Espen-, Weiden- und Pappelwäldern. Umgehend zogen Vögel in diese Wälder ein. Die Zahl der Singvögel und Zugvögel erhöhte sich ungemein. Die Population an Bibern wuchs, denn sie hatten jetzt Bäume zum Abnagen und Dämme bauen. Diese Dämme im Fluß bieten Lebensräume für Otter, Bisamratten, Enten, Fische, Reptilien und Amphibien. Biber sind, wie Wölfe auch, Öko-Ingenieure und schaffen Biotope und Nischen für andere Arten.

Die Wölfe erlegten auch Koyoten, was dazu führte, daß es mehr Kaninchen und Mäuse gab: Bestes Futter für die Raubvögel, Wiesel, Füchse, und Dachse, die sich nun besser vermehren konnten.

Wolf (Canis Lupus) Bild: Wikipedia Commons, Bernhard Landgraf

Raben und Weißkopfadler konnten sich von dem Aas ernähren, das die Wölfe übrig ließen. Auch Bären taten sich daran gütlich, was auch die deren Population steigen ließ. Darüberhinaus kam den Bären zugute, daß auch mehr Beeren in dem sich regenerierenden Buschwerk wuchsen. Die Bären erlegten auch noch ein paar Kälber der Hirsche, und verstärkten somit noch den Wolf-Effekt.

Das ist aber noch nicht alles. Jetzt wird es erst richtig interessant: Die Wölfe veränderten das Verhalten der Flüsse. Sie mäanderten nicht mehr so stark, weil der Boden nicht mehr so erodierte. Die Wasserkanäle wurden enger, es entstanden mehr Wasserbecken und mehr Riffelungen. All dies sind Lebensräume für Wildtiere. Die Flüsse veränderten sich als Antwort auf die Wölfe.

Der Grund dafür war, daß die sich regenerierenden Wälder die Flußufer stabilisierten, so daß sie nicht dauernd wegbrachen und die Flüsse in ihrem Lauf kräftiger und gradliniger wurden. Genauso erholten sich die Berghänge, weil die Hirsche und Rehe aus einigen Bergregionen verscheucht wurden. Der Boden erodierte weniger, der Pflanzenbewuchs stabilisierte sich.

So kam es, daß die wenigen Wölfe nicht nur das Ökosystem des riesigen Yellowstone-Nationalparks umgeformt haben, sondern auch die physische Geographie.