„Bindungsphysik“: Kinder brauchen ihre Eltern

19. Februar 2016 von Michael Friedrich Vogt
(5 votes, average: 3,40 out of 5)
Loading...

19. Februar 2016 Dipl.-Biol. Dagmar Neubronner im Gespräch mit Michael Friedrich Vogt. Wir tragen in unseren Zellen starke instinktive Programme, die es unseren Vorfahren in den letzten Jahrhunderttausenden ermöglicht haben, die Menschheit überleben zu lassen.

Das bedeutet: Wir müssen uns die Prinzipien bewußt machen, nach denen Menschen und menschliches Zusammenleben funktionieren. Wir müssen erkennen, welche Regeln hinter unseren Instinkten (und denen unserer Kinder!) stecken, damit wir sie auch in unserer heutigen Welt und in jeder denkbaren Umgebung, unter allen Umständen, sinngemäß anwenden können. Das zu ermöglichen ist die geniale Leistung, die der kanadische Bindungsforscher Gordon Neufeld vollbracht hat, Autor des in viele Sprachen übersetzten Bestsellers „Unsere Kinder brauchen uns!“. Dagmar Neubronner hat das Neufeld-Wissen für den deutschsprachigen Raum verfügbar gemacht und die thematischen Kurse und die Neufeld-Ausbildung aufgebaut – als familienfreundliches Fernstudium via Internet und mit Seminaren in Jugendherbergen.

Der kanadische Wissenschaftler Prof. Dr. Gordon Neufeld in einem richtungsweisenden Vortrag zur „Bindungsphysik“ zwischen Eltern und Kinder:

„Ich sehe die Phänomene, die unsere postindustrielle Welt überschwemmen, und über die ich in meinem Buch „peer orientation“ geschrieben habe, begründet in der Trennung der Kinder von ihren Eltern. der Kontext, ein Kind zu erziehen, ist ihre Bindung an die für sie verantwortlichen Erwachsenen. Wenn staatlich ausgebildete Professionelle ankommen und mit Kindern umgehen außerhalb dieses Kontextes, ist dies eine Verletzung der Naturgesetze.

Jetzt komme ich zur These, die These, die wir hier miteinander teilen, ist ganz einfach. Vorzeitige Trennung der primären kindlichen Bindungen führt zu ernsten Verletzungen und Bindungsproblemen. Und meine Theorie ist, daß unter diesen Bedingungen die Entwicklung zum Stillstand kommt, und es entsteht eine Reihe von sozialen Störungen, die die tradierten Kulturen und auch unsere moderne Gesellschaft zu unterminieren drohen. Ich möchte das näher erläutern: Als ich versuchte, ein umfassendes Bindungsmodell zu entwickeln, wurde mir plötzlich klar, daß wir in der postindustriellen Gesellschaft an der größten Bindungsstörung leiden, die es jemals gegeben hat, und zwar folgender: Gleichaltrige ersetzen Eltern im Leben der Kinder. Das ist so verbreitet, daß wir es irriger Weise für normal halten, und es ist durch so viele Dinge in unserer Gesellschaft getarnt, daß wir es in seiner Tragweite nicht richtig einschätzen.

Von vorzeitiger Trennung spreche ich, wenn ein Kind nicht in der Lage ist, bei physischer Trennung von seinen Eltern oder denen, die sie ersetzen, das Gefühl der Bindung aufrecht zu erhalten. Aus Sicht der Gesellschaft erscheint Bindung heutzutage oft in einem negativen Licht. Man setzt sie gleich mit Abhängigkeit, und Abhängigkeit wird in unserer Kultur sehr negativ bewertet. Das ist z.B. in der japanischen Kultur völlig anders. Ich war sehr überrascht, als ich während meiner Forschung zur Bindungstheorie feststellte, daß ein japanischer Bindungstheoretiker ein Buch geschrieben hat, das den einfachen Titel trug: `Die Anatomie von Abhängigkeit´. Ein solches Buch wäre in Europa oder Nordamerika oder Großbritannien zum Scheitern verurteilt. Warum? Weil Unabhängigkeit für uns das Allerwichtigste ist. Wir sehen Abhängigkeit negativ, und daher ist sich die Gesellschaft darin einig, daß das Kind frühzeitig und ganz stark in seiner Unabhängigkeit gefördert werden muss. Wir glauben, wir müssen Kindern beibringen, schnelle auf ihren eigenen Beinen zu stehen. Wir befürchten, wenn wir einmal der Abhängigkeit den kleinen Finger reichen, dann greift sie gleich den ganzen Arm! Also glauben wir, wir müßten Kinder so früh wie möglich von Eltern trennen, damit sie nur ja unabhängig werden, und natürlich liegen wir damit völlig falsch. Ich möchte damit keineswegs sagen, daß es nicht gut ist, ein Kind unabhängig zu machen, aber vorzeitige Trennung bedeutet, daß das Kind – und das kann mit 2, 3, 5, 8 Jahren, oder sogar noch älter, so sein – nicht in der Lage ist, das innere Gefühl der Verbindung aufrecht zu erhalten, wenn es von der Bindungs- oder Bezugsperson getrennt ist. Und je jünger das Kind ist, desto schwieriger ist dies natürlich, d.h. um so weniger ist es dazu in der Lage, diese Bindung aufrecht zu erhalten.

Das Wichtigste in unserer Gesellschaft ist, daß wir die Verbindungen zwischen Eltern und Kindern schützen müssen. Nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Eltern, denn sie brauchen das, um ihre Aufgabe zu erfüllen. Ohne tiefe Bindung ihrer Kinder an sie können sie sie nicht erziehen.

Dies dient auch der Gesellschaft, denn wenn eine Gesellschaft immer weniger Menschen hat, die in vollem Umfang funktionieren, dann kann die Gesellschaft nicht gedeihen, die Kulturübermittlung zwischen den Generationen geht verloren ohne die Bindung, d.h. sie fällt auseinander. Den Schlüssel zur Erziehung von Kindern haben wir früher nur intuitiv gekannt, heute erkennen wir ihn auch wissenschaftlich, und wenn wir alle Wissensanteile zusammen führen, ist es extrem einfach: Der Schlüssel dafür, Kinder zu erziehen, ist: Gute Beziehung zu jenen, die verantwortlich sind, die Eltern, die Großeltern, die Onkel und Tanten, die Verantwortlichen. Und eine weitere Schlüsselfunktion liegt in Empfindsamkeit. Und genau das alles verlieren Kinder heutzutage. Wir müssen dem daher unbedingt wieder Priorität einräumen. Wir könnten viel Zeit mit Wissenschaft verbringen, aber wenn man das Vorhergenannte Eltern erfolgreich vermitteln will, dann kann man es ganz einfach in folgende intuitive Worte fassen: Gute Beziehungen und offene Herzen.“

Die weiteren Themen im Einzelnen:

  • Elternrechte
  • Bindung & Erziehung: Was unsere Kinder heute wirklich brauchen
  • Bindungsforschung
  • Gordon Neufeld
  • Gegensatz Entwicklungspsychologie – Behaviorismus
  • Bindung als stärkster Instinkt
  • Änderung der gesellschaftlichen Bedingungen
  • Großexperiment Krippe & Co.
  • die Folgen
  • Gleichaltrigenorientierung
  • „cool“ als Ideal
  • Panzerung gegen Gefühle
  • Reifwerdung
  • menschliches Potential
  • Hirnforschung

Publikationen: Gordon Neufeld, Unsere Kinder brauchen uns. Die entscheidende Bedeutung der Kind-Eltern-Bindung Gordon Neufeld, Aggression verstehen: Dieser vierstündige Videokurs unterstützt Erwachsene wirksam darin, Aggressionsproblemen bei Kindern und Jugendlichen vorzubeugen und mit Aggressionen entwicklungsfördernd umzugehen. [zwei DVDs] Gordon Neufeld, Adoleszenz – Vom Ziel der Pubertät oder Wie Kinder erfolgreich erwachsen werden: Reifeprozesse verstehen und Entwicklungsblockaden beseitigen [vier DVDs] Gordon Neufeld, Aufmerksamkeitsprobleme verstehen: Dieser vierstündige Videokurs bietet natürliche Lösungen für ein verwirrendes Phänomen [zwei DVDs]

Websites: www.neufeldinstitute.de www.neufeldinstitute.com www.genius-verlag.de http://www.genius-verlag.de/main/BuecherMehr.php?Vid=75 http://bildunginfreiheit.blogger.de/

Seminare & Kurse: www.neufeldinstitute.de