Wolfgang Harich – der vergessene deutsche Patriot

11. Juli 2015 von Michael Friedrich Vogt
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Prof. Dr. sc. phil. Siegfried Prokop & Diplom-Philosoph Peter Feist im Gespräch mit Michael Friedrich Vogt. Rudolf Bahro und Robert Havemann zählen heute zu den bekanntesten Dissidenten und Regimekritikern der DDR. Völlig in Vergessenheit ist hingegen Wolfgang Harich geraten, der bedeutendste und widersprüchlichste und im Übrigen persönlich mutigste marxistische Intellektuelle der DDR. Seine heutige Unbekanntheit hat weniger mit seinem herausragenden theoretischen Wissen zu tun, sondern eher an seiner Wirkungszeit, die im Wesentlichen bereits in den 50er Jahren war und somit deutlich vor der Wendezeit. Und: Harich als ein so unbequemer Denker für Ost und West paßt damals wie heute weder in das kommunistische noch in das kapitalistische System.

Bereits während seiner Militärzeit in der Wehrmacht wurde er wegen „unerlaubter Entfernung von der Truppe“ bestraft, anschließend desertierte er 1944 und tauchte unter. 1956 rief Harich zur Reform des Sozialismus auf, mitsamt eines Sturzes Walter Ulbrichts, Auflösung der Stasi, freie Wahlen und einer Allianz der Kommunisten mit der SPD. Am 29. November 1956 wurde Harich verhaftet und entging der Todesstrafe nur knapp. Er wurde zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt, von denen er acht Jahre absitzen mußte.

File:Bundesarchiv Bild 183-1993-0105-514, Wolfgang Harich in seiner Wohnung.jpg Wolfgang Harich in seiner Wohnung. Bild: Bundesarchiv, Bild 183-1993-0105-514 / Kemlein, Eva / CC-BY-SA

Dies änderte jedoch nichts an seinem kritischen Wirken. Ab den 70er Jahren beschäftigte er sich verstärkt mit ökologischen Problemen, nutzte dabei bereits von Marx publizierte Theorien, welche Ökonomie und Ökologie sinnvoll verbanden und stieß dabei mit seinem Buch „Kommunismus ohne Wachstum“ und Bezeichnungen wie „Öko-Faschismus“ auf massive Kritik, da auch dies nicht in das vorherrschende Weltbild der DDR-Führung paßte.

Deutschlandpolitisch erwies sich Harich wieder als Querdenker, der weder für die BRD-Position eines Sich-Einrichten in der Spaltung noch der DDR-Position von einer eigenen sozialistischen deutschen Nation zu gewinnen war.

Auch nach der „Wiedervereinigung“ Deutschlands bleibt er seiner politischen Einstellung treu und kritisiert unter anderem die Einheit als eine BRD-Annexion der DDR.

Prof. Dr. sc. phil. Siegfried Prokop und Diplom-Philosoph Peter Feist kannten den 1995 verstorbenen Wolfgang Harich noch persönlich. Im Gespräch mit Michael Vogt können beide daher nicht nur über die bekannten Fakten zu Harichs Leben und Wirken berichten, sondern auch über die Person selbst. So beschreibt Prof. Dr. sc. phil. Siegfried Prokopp (Verfasser der Autobiographie von Wolfgang Harich („Ich bin zu früh geboren: auf den Spuren Wolfgang Harichs“) ihn als einen klassischen Querdenker mit einem durchaus komplizierten und starken Charakter. Peter Feist attestiert Harich Geradlinigkeit in seiner Arbeit und politischen Einstellung, trotz vieler Nackenschläge die er erleiden mußte. Sie berichten über einen deutschen Patrioten zwischen den Fronten von Kapitalismus und Kommunismus, der es nicht verdient hat, in Vergessenheit zu geraten und dessen z. B. ökologische Schrift noch heute wegweisend ist – und angesichts der Zerstörung des Planeten durch den Kapitalismus wieder brennend aktuell wurde.

Datei:Bundesarchiv Bild 183-R0906-500, Leningrad, Besuch deutscher Kulturschaffender.jpg

Bild: Bundesarchiv, Bild 183-R0906-500 / CC-BY-SA ADN-ZB/Tass: Delegation Kulturschaffender in der UdSSR. Auf Einladung des sowjetischen Schriftstellerverbandes weilte im April 1948 eine Delegation fortschrittlicher deutscher Kulturschaffender in der UdSSR. Während ihres Aufenthaltes dort besucht die Delegation u.a. auch Leningrad. Die Delegation auf dem Isaak-Platz in Leningrad (v.l.): Ellen Kellermann, der Schriftsteller Günther Weisenborn, unbekannt, der Schrifttsteller Bernhard Kellermann, der Philosoph Wolfgang Harich, die Schriftstellerin Anna Seghers, der Lyriker und Essayist Stephan Hermlin, der Schauspieler und Theaterintendant Wolfgang Langhoff, der Filmautor Michael Tschesno-Hell, der Schriftsteller Eduard Claudius, der Schriftsteller M.J. Apletin (SU), der Maler Heinrich Ehmsen. Website:

www.geschichtsseiten.de

www.christian-wolff-bildungs-werk.de

Publikationen:

Wolfgang Harich, Deutschland – Spaltung und Vereinigung

Wolfgang Harich, Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ‚Club of Rome’

Wolfgang Harich, Keine Schwierigkeiten mit der Wahrheit

Wolfgang Harich, Schriften zur Anarchie. Zur Kritik der revolutionären Ungeduld und die Baader-Meinhof-Gruppe. Schriften aus dem Nachlaß Band 7, hrsg. von Andreas Heyer

Siegfried Prokop (Hrsg.), Ein Streiter für Deutschland. Auseinandersetzung mit Wolfgang Harich

Siegfried Prokop/ Stefan Dornuf/Wolfgang Harich, Das Wolfgang-Harich-Gedenk-Kolloquium November 2003

Siegfried Prokop, Ich bin zu früh geboren: Auf den Spuren Wolfgang Harichs