Die verlorene Korbflechtkunst der Mi’qmaks

18. Dezember 2013 von Michael Friedrich Vogt
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Michael Vogt im Gespräch mit Sandra Simon (englisches Originalinterview) 18. Dezember 2013  Als sich im 16. Jahrhundert die ersten Siedler aus Europa nach Kanada aufmachten, begann an der Ostküste der Rückzug der indianischen Kultur. Vieles davon ist in den Jahrhunderten verloren gegangen. Eine der beinahe ausgestorbenen Traditionen ist das Besticken von Körbchen und Dosen mit Stachelschweinborsten. Die Mi’qmaks waren sogar unter den anderen Stämmen als die „Stachelschweinleute“ bekannt, weil ihre kunstvollen, dekorativen Handarbeiten mit dem Borsten-Dekor sehr begehrte Handels- und Tauschgüter waren.

Sandra Simon lernte diese für den Stamm der Mi’qmaks einst ganz typische Kunst von einer sehr alten Frau, die buchstäblich als Letzte diese Technik noch kannte und beherrschte. Nur dem Umstand, daß Sara fasziniert von diesem schönen Kunsthandwerk war und es sofort als Hobby aufgriff ist es zu verdanken, daß diese uralte Tradition heute wieder lebt. Mittlerweile unterrichtet Sandra Stammesgenossen in dieser Technik. Die Lernenden müssen aber versprechen, diese Technik nicht nach außen weiterzugeben. Zu groß sei die Gefahr – so Sandra – daß es sehr schnell billige Replikate mit Plastikborsten made in China zu kaufen geben würde, und die echten Mi’qmak-Unikate wieder vor dem Aussterben stehen.

Alte Dose

EIne Birkenrindendose mit Borstenbestickung  – einem antiken Original detailgetreu nachgearbeitet.

Sie zeigt in diesem Interview, daß die hübschen Dosen aus mehrfach aufeinandergelegter Birkenrinde hergestellt werden und mit einem ganz bestimmten, duftenden Süßgras miteinander vernäht. Die Stachelschweinborsten werden so geschickt eingesetzt, daß ihr dunkles, unteres Ende und die weißen Spitzen lebhafte Muster bilden. Man kann sie auch mit Pflanzenfarben einfärben. Das wurde schon in alter Zeit so gemacht. Sandra hat bereits einige original alte Museumsstücke genau nachgearbeitet.

 

Sandra Simon Stachelschwein-Dosen

Sandra Simon bei der Arbeit

Die Birkenrinde holt sie sich von den lebenden Bäumen aus dem Wald, achtet aber genau darauf, daß sie dem Baum nur so viel entnimmt, wie der ohne weiteres verkraften kann. Sie bringt der Birke vorher ein Tabak- und Rauchopfer, und bedankt sich für die Gabe. Auf die Frage, wie sie denn an die Stachelschweinborsten kommt, ohne das Tier zu schädigen, die Borsten lägen ja wohl nicht so einfach auf der Straße herum, antwortet Sandra lachend „ Doch, genau das!“ Ihr ganzes Umfeld achtet darauf, ob ein überfahrenes Stachelschwein am Wegesrand liegt, ein „Roadkill“, wie die Kanadier sagen. Das nehmen  ihre Freunde und Bekannten sofort mit und geben es ihr. Je nachdem, in welchem Zustand das Tier schon ist, sei es nicht immer eine Freude, die Stacheln zu entfernen. Das stinke schonmal bestialisch, gibt sie lachend zu. Und außerdem zersticht man sich auch ganz kräftig die Finger bei dieser Arbeit.

Wenn es ein frisches Tier ist, freuen sich die Alten im Dorf. „Porcupine-Stew“ (Stachelschwein-Eintopf) ist ein vorzügliches Traditionsgericht der Mi’qmaks.

Es ist schön zu sehen, daß ein kleiner, aber wichtiger und typischer Teil der Mi’qmak-Kultur wieder auflebt. Es gibt heute bereits wieder mehr als einhundert Schüler von Sandra. Ein schöner Erfolg der Initiative Friends United.

www.friends-united.ca/art/index.html