Unser Verständnis von Freiheit

5. Juni 2015 von Gastautor: Jean Taulier
(No Ratings Yet)
Loading...

05. Juni 2015 (von Jean Taulier) Ich möchte vorausschicken, dass mir mehr daran liegt zu lernen, als Recht zu behalten. Ich bin bereit von anderen zu lernen, indem ich gerne meine Gedanken kritisieren lasse und auch andere kritisiere. Zudem glaube ich fest an die Selbstbefreiung durch das Wissen, also jene Inspiration, die schon Kant und Pestalozzi ergriff.

Die Entwicklung des Freiheitsbegriffs lässt sich am anschaulichsten am Beispiel der Schweiz und England verdeutlichen. In der Schweiz zogen in prähistorischen Zeiten Menschen, die Ackerbau und Viehzucht betrieben, in die wilden und unwegsamen Hochalpen, wo sie ein karges und gefährdetes Dasein erwartete. Wohl deswegen, weil sie das ungewisse Dasein der Unterjochung durch mächtigere Nachbarn vorzogen. In England waren Besitz und Bildung ein Privileg des Adels,  der Squiarchie; also nicht der Stadtbewohner und des Bürgertums, sondern der auf dem Land lebenden Familien und Großgrundbesitzer.

Es lässt sich also vermuten, dass die Erwartungen eines Engländers an das Leben andere waren als diejenigen eines Bewohners der Hochalpen. Im Gegensatz dazu waren die Kulturträger des Kontinents Stadtbewohner. Allen gemeinsam ist, dass es Werte gibt, die um jeden Preis verteidigt werden müssen. Dazu gehört unbedingt die Freiheit.

Der Begriff der Freiheit führt zunächst zu der Frage nach der Würde des Einzelnen. Darunter verstand Kant, dessen Gedanken in das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschlands eingingen, das Gebot, jeden Menschen und seine Überzeugung zu respektieren. Also banal ausgedrückt: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.“

Kant verknüpfte diesen Begriff auf engste mit der Idee der Freiheit. Die Gedankenfreiheit kann weitgehend unterdrückt werden, wenn der Gedankenaustausch unterdrückt wird. Ich denke hier an die geheimen Verhandlungen mit den USA und der EU hinsichtlich der TTIP Abkommen. Hier kann von der Möglichkeit eines freien Gedankenaustausches nicht die Rede sein. Der Wunsch nach Freiheit ist etwas sehr archaisches, was man selbst bei Tieren beobachten kann. Um die Freiheit eines Einzelnen zu bewerkstelligen, fordert Kant einen Staat, der die Freiheit eines Jeden nur soweit beschränkt, wie es durch das Zusammenleben der Menschen notwendig wird.

Die politische Freiheit in der Demokratie besteht zunächst darin, dass die Regierung ohne Blutvergießen abgewählt werden kann. Die Freiheit ist kein Lieferant, der uns die Güter des Lebens ins Haus zustellt. Es ist gefährlich, die Freiheit dadurch anzupreisen, indem den Menschen zugesichert wird, es werde Ihnen gutgehen. Wie es einem im Leben ergeht, ist hauptsächlich eine Frage des Glücks oder der Gnade und auch der persönlichen Tüchtigkeit, des Fleißes und anderer Tugenden. Also der Selbstbestimmung und Eigenverantwortung.

Ein Staat, der diese Grundsätze nicht beherzigt und den Einzelnen, etwa durch großzügige Leistungen, in die Abhängigkeit bringt, beschädigt dieses Prinzip der individuellen Freiheit.

Dieses Prinzip wurde unter dem Begriff Subsidiarität in unserem Grundgesetz fest verankert.

Schon Demokrit verlautbarte: “Ich ziehe das karge Leben in einer Demokratie dem Reichtum unter einer Tyrannis vor.“

Bestrebungen nach einem sogenannten bedingungslosen Grundeinkommen müssen auch unter diesem Gesichtspunkt gründlich überdacht werden.