Umfragen als Propagandainstrument

2. Juni 2015 von Niki Vogt
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02. Juni 2015  (von Niki Vogt) Umfragen sind doch was Feines. Macht richtig Spaß. Und schon wieder haben wir da was im Angebot. Der am häufigsten gelesene, deutsche Wissenschaftsblog (Eigenauskunft) „ScienceFiles“ hat die Gretchenfrage gestellt: Sollen die Deutschen in der Europäischen Union verbleiben oder sie besser verlassen?  Zwei Tage lang konnten die Leser abstimmen, das Ergebnis ist eindeutig, wird aber todsicher keinen Politiker zum Nachdenken bringen. Was haben Umfragen eigentlich für eine Bedeutung?

Man muß zwar einräumen, daß die Gruppe der Abstimmenden mit 1189 Abstimmenden nicht sehr groß ist. Allerdings haben wir ja aus den offiziellen Angaben zu großen Umfragen von anerkannten Instituten wie Forsa oder Gallup gelernt, daß auch die großen, Seriösen immer so um die 1000 Befragte interviewen. Also kann diese Abstimmung da sehr gut mithalten. Die Frage war klar gestellt und nicht irgendwie interpretierbar oder verschwurbelt: Wollt Ihr lieber in der Europäischen Union verbleiben oder die Europäische Union verlassen? Wie also wurde abgestimmt?

Soll Deutschland in der EU bleiben

In genauen Zahlen bedeutet das: 1087 deutsche Voter wollen raus aus der EU, 67 wollen lieber in der EU bleiben. Es ist müßig darüber herumzudiskutieren, ob die Leser des Wissenschaftsblogs vielleicht politisch in eine bestimmte Richtung tendieren, wie alternativ dieser Blog ist und ob denn die Auswertung der Frage mit rechten Dingen zugegangen sei. Eine deutliche Tendenz ist auf jeden Fall bemerkbar. Und wir alle wissen, wie sehr die Deutschen (und nicht nur die!) in breiter Masse auf mehr oder weniger hohem Informationsniveau die Nase woll von der EU haben.

Sogar dem Leuchtturm Europäischer Demokratie, Martin Schulz, ist bei seinen gelegentlichen Kontakten mit dem gemeinen Volk bereits eine gewisse Kritikbereitschaft an der EU nicht entgangen, und er nörgelte mürrisch, daß die EU für alles, was schief läuft, verantwortlich gemacht werde: „Scheint die Sonne nicht – Brüssel ist schuld. Schweißfüße – Brüssel ist schuld“. Beim Neujahrsempfang in Brüssel räumte er sogar ein, daß die EU in Gefahr sei, und bemühte dazu wieder das Bild der übelriechenden Füße. „Bei seinen Auftritten im Ausland – Schulz ist zugleich Spitzenkandidat der Sozis für die Europawahl – treffe er auf zunehmende Ablehnung. Die EU werde mit “Schweißfüssen” gleichgesetzt.“

Wenn sich also schon bei den ungewählten Granden das Wissen breitmacht, daß die Völker den ungeliebten Moloch EU am liebsten wieder los wären, wenn schon aus Brüssel vorsichtig der Terminus „Demokratiedefizit“ geflüstert wird, woher kommen denn dann die positiven, EU-freundlichen Umfrageergebnisse, mit denen auf dem ganzen Kontinent so penetrant positive EU-Stimmung verbreitet wird? Wie Radiomoderatoren, die um sechs Uhr morgens pausenlos schnattern und gnadenlos gut drauf sind, in der irrigen Annahme, damit den Hörern den Start in den Tag schmackhaft zu machen, tröten alle Qualitätsmedien immer wieder uhrwerkartig die Erfolgsmeldungen über die Zufriedenheit der EU-Bürger hinaus. Wozu?

Das Zauberwort heißt „Demokratie“. Dieses goldene Kalb des Westens ist unantastbar. Das Tabu, welches dieses Wort umgibt, repräsentiert einen überhöhten, quasireligiösen Wert, der nicht hinterfragbar ist – und die tatsächliche Demokratie selbst längst ersetzt hat. Der eigentliche Souverän, das Volk, hat überhaupt nichts mehr zu sagen. Die Anrufung und Zurschaustellung der „Demokratie“ als höchster „westlicher Wert“ fungiert mittlerweile ähnlich, wie die im Katholizismus bei der Wandlung hochgehaltene Hostie, die den Leib Christi verkörpert.

Das Hochamt der Demokratieanrufung sind von Zeit zu Zeit abgehaltene Wahlen, die aber keine substanziellen Änderungen nach sich ziehen dürfen, sowie sorgfältig inszenierte Umfragen. Wahlen legitimieren die Herrschaft.

Denn die Legitimation politischer Entscheidungen oder Postenbesetzungen ist von großer Bedeutung. Deshalb sind die prozentualen Wahlergebnisse nicht so bedeutend, wie die Wahlbeteiligung. Egal, was der Wähler ankreuzt, die Tatsache, daß er wählen gegangen ist, ist sein Einverständnis und seine Unterschrift unter das politische System. Das Glaubensbekenntnis zur Demokratie. Das einzige, was den Politikdarstellern Sorgen macht, ist die stetig sinkende Wahlbeteiligung. Je geringer die ist, umso wackliger wird die Legitimation. Geht nur die Hälfte des Wahlvolkes an die Urne, repräsentieren die Wahlergebnisse eben einfach nur die Hälfte der Wahlberechtigten. Eine „große Volkspartei“, die stolze 30 % erringt, repräsentiert in Wirklichkeit eben nur 15%. Wird deren Kandidat Kanzler, haben ihn 85% der Wähler eben nicht gewählt.

Obwohl die Europaer schon längst begriffen haben, daß „die da oben“ sowieso machen, was sie wollen, würden doch immer noch die meisten unterschreiben, daß wir in einer Demokratie leben. Weil das eben so in der Zeitung steht, und weil das ja jeder weiß.

Aber auch und nicht zuletzt deswegen, weil wir immer wieder Umfragen präsentiert bekommen, die irgendwie immer eine Mehrheit für die Themen der europäischen Integration, für den Euro, für die Brüsseler Politik usw. verlautbaren. Damit bekommt der Bürger so eine Art Dauertropf gelegt, der ihn einlullt und suggeriert, daß im Grunde doch alles in Ordnung ist, und die Politik ja doch im Großen und Ganzen den Wählerwillen repräsentiert. Umfragen sind ein hocheffektives Propagandainstrument geworden, was auf raffinierte Weise die Schuldzuweisung umkehrt. Denn wenn eine mehr oder weniger große Mehrheit doch die Politik mitträgt, dann ist ja derjenige, der dagegen ist undemokratisch, weil er den Mehrheitswillen nicht respektiert. Und er schweigt.

Das ist der Grund, warum die entsprechenden Umfrageinstitute mit Ergebnissen aufwarten, die immer und voraussehbar die Politik legitimieren. Die Auftraggeber wollen gar nicht wissen, was die Bevölkerung wirklich denkt – geschweige denn sich danach richten. Sollte es solche echten Erhebungen geben, werden wir sie nicht zu Gesicht bekommen. Wie wir immer wieder erleben, zeigen ja eigene Befragungen unterschiedlichster Webseiten, daß die wahren Ergebnisse meilenweit von den bestellten Mehrheiten entfernt sind.

Eine der besten Propagandawaffen der EU ist eine Umfrage-Institution namens „Eurobarometer“. Ständig werden hier zu allen erdenklichen Themen Umfragen in Auftrag gegeben, die wunderbarerweise immer für die EU-Politik erstaunlich positive Ergebnisse ermitteln. Nicht nur, daß damit das Treiben des wuchernden Brüssler Apparates regelmäßig legitimiert wird, man kann je nach Fragestellung auch Ergebnisse erzielen, die dann als „Auftrag aus der Bevölkerung“ interpretiert werden – und sich  – oh Zufall! – nahtlos in die Pläne der EU-Granden einreihen, die man sowieso verwirklichen wollte.

Die Formulierung ist die Kunst, das subtile Hinführen auf die richtige Antwort, und je unklarer die Frage ist, je weniger der Befragte über das Thema weiß, desto eher wählt der Befragte eine für ihn positiv klingende Antwort. Zum Beispiel beim Thema Gendergerechtigkeit, unter der sich 90% der ahnungslosen Bevölkerung gar nichts vorstellen kann. Einwanderung, Frauenquote, Flüchtlinge, Klimaerwärmung, Umweltschutz, Energiewende … welches Thema auch immer die EU-Kommission vogibt: Die Parlamente winken es nur noch durch und die Bevölkerung legitimiert es via Umfrageergebnis. So geht Demokratie heute.

Die Kniffe und Methoden, Umfragen so zu gestalten daß die erwünschten Ergebnisse herauskommen sind unter Fachleuten natürlich bekannt. Und gerade das EU-eigene Eurobarometer steht sehr in der Kritik. „Die regelmäßige, mehrheitliche Zustimmung ist erstaunlich – jedenfalls auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick ist sie nicht erstaunlich, denn nicht nur gibt es eine Reihe von Techniken der Manipulation und Suggestion in Umfragen, die das Ergebnis der Befragung beeinflussen, auch finden sich alle diese Techniken in den jeweiligen Fragebögen des Eurobarometer. Je nachdem, von welcher Seite man es betrachtet, kann man den Eurobarometer als eine Umfrage ansehen, in der alle Todsünden der empirischen Sozialforschung begangen werden, so dass die Ergebnisse “biased” und nicht valide sind, oder man kann den Eurobarometer als Meisterwerk der Persuasion und Manipulation ansehen, in dem die besagten Techniken so gut eingesetzt werden, dass immer herauskommt, was herauskommen soll – fast immer.“

In Luxemburg wurde beispielsweise kurz vor der Europawahl 2014 eine solche Eurobarometer-Umfrage an etwas mehr als 500 Befragten (repräsentativ!) durchgeführt. Das Ergebnis war recht positiv für die EU. Allerdings ließen die Fragen auch kaum anderes zu. Zitat: “Geschichte”, “Sprachen” und “Kultur” machen laut der Mehrheit der Luxemburger Befragten die europäische Union aus. “Frieden”, “Menschenrechte” und “Demokratie” sind die Werte, für die die Union steht. Allerdings waren im Fragenkatalog des Eurobarometers nur positive Antworten auf diese Fragen vorgesehen: Neben den genannten Grundwerten standen zum Beispiel noch “individuelle Freiheiten” oder “Rechtsstaatlichkeit” zur Auswahl. Sozialabbau, Aufrüstung, Abschottung oder ähnliches blieben dagegen unberücksichtigt. Wenig verwunderlich, wenn man weiß, dass das Eurobarometer von der europäischen Kommission selbst in Auftrag gegeben wird. Allerdings wirft das die Frage nach der wissenschaftlichen Seriosität der Umfrage auf.

Um die scheint es bekanntermaßen nicht allzu gut bestellt zu sein. Als das „Eurobarometer“ eine Umfrage in Großbritannien zum Thema „Verbleib UK in der EU“ durchführte, ergab das ausnahmsweise einmal tatsächlich eine deutlich überwiegende Ablehnung der Briten. Die Online-Ausgabe des Daily/Sunday Express titelte denn auch trocken: „It’s even a ’no‘ from the EU propaganda machine – DATA collected by Eurobarometer – the EU’s own polling organisation – has shown that an awful lot of Britons want to leave the EU.“  (zu Deutsch: Sogar von der EU-Propagandamaschine gibt es ein „Nein“ – Gesammelte Daten vom Eurobarometer  – Der EU-eigenen Umfrageorganisation – zeigen, daß furchtbar viele Briten die EU verlassen wollen.)

Es ist erstaunlich, daß diese Umfrage überhaupt veröffentlicht wurde, gehört es doch offenbar zu den gängigen Methoden der EU-Kommission, wenn selbst ausgebuffte Befragungstechniken noch unerwünschte Ergebnisse zeitigen, die gesamte Befragung wegzuschließen: „Das Zurückhalten unerwünschter Umfragen ist aber auch ein Sittenbild einer abgehobenen politischen Pseudo-Elite: Daß in der real-existierenden Europäischen Union der Willen des Bürgers nichts zählt, ist ja schon hinreichend bekannt. Aber nun scheinen Versuche unternommen zu werden, die Bürger zu manipulieren“, kritisierte der freiheitliche EU-Mandatar. Wenn beispielsweise bei einer Umfrage zur Zukunft der EU nur integrationsfreundliche Möglichkeiten zu Auswahl stehen, dann erinnere diese Vorgehensweise an die Wahlen in der untergegangenen Sowjetunion, wo die Kandidaten im Vorfeld von der kommunistischen Polit-Nomenklatura ausgewählt wurden, stellte Mölzer fest.

So haben auch die zwei Demoskopie-Experten Martin Höpner und Bojan Jurczyk einen wissenschaftlichen Aufsatz zu den unlauteren Methoden des Eurobarometers mit dem Titel „Kritik des Eurobarometers – Über die Verwischung der Grenze zwischen seriöser Demoskopie und interessengeleiteter Propaganda“ verfaßt, in dem sie die Fragen von Eurobarometer-Umfragen (in den Jahren1995 bis 2010, im Aufsatz Absatz 4.3 bis 4.7)  mit den zehn Grundregeln einer sauberen Umfrageforschung abgleichen. Ihr Befund: gegen acht der zehn Grundregeln wurde verstoßen.

Diese sind:

  1. Fragen sind schwer verständlich oder gar mißverständlich formuliert.
  2. Es werden hypothetische Fragen gestellt, für die keinerlei Kontext bereitsteht und die letztlich in sozial erwünschte Antworten münden.
  3. Es wird nicht ausgeschlossen, dass Befragte, die von einem Fragegegenstand keine Ahnung haben, sich zu dem entsprechenden Fragegegenstand äußern. Im Gegenteil scheint es das Bemühen der Eurobarometer-Macher zu sein, Befragte zu Dingen wie Galileo, Treibhausgasemissionen in 20 Jahren und so weiter, zu denen sie sich nicht sinnvoll äußern können, zu befragen.
  4. Fragebatterien werden genutzt, um die Zustimmungstendenz, die Befragte in Fragebatterien, in denen sie sich nacheinander zu unterschiedlichen Gegenständen äußern sollen, nun einmal haben, in positive Antworten um zu münzen (zu den Reihefolgeeffekte: (Kirschhofer-Bozenhardt & Kaplitza, 1986, S.104).
  5. Befragte werden durch Unterstellungen in Fragen manipuliert (Manche sagen, dass …).
  6. Befragte werden durch Suggestivfragen manipuliert (… den Euro erfolgreich einführen).
  7. Antwortvorgaben sind einseitig zu Gunsten positiver Antwortmöglichkeiten verzerrt.
  8. Fragen werden in einen Kontext eingebaut, um die Befragten in die Stimmung zur positiven Antwort zu versetzen.

Das Fazit der beiden Experten fällt entsprechend deutlich aus.

„Nicht um mangelnde Sorgfalt geht es uns also, sondern um den begründeten Verdacht strategischer Manipulation. Dieser Verdacht ergibt sich aus der systematischen Gerichtetheit der Verstöße gegen die Regeln guter Umfrageforschung. Denn in ausnahmslos allen Fällen waren die Verstöße so gerichtet, dass sie geeignet waren, die Ergebnisse in eine pro-europäische, integrationsfreundliche Richtung zu lenken. Dass dies ohne Intention geschah, wollen wir ausschließen. Die wissenschaftliche Integrität der Eurobarometer-Befragungen muss also mit einem großen Fragezeichen versehen werden” (Seiten 345-346).“

 

Links und Informationen

http://ec.europa.eu/public_opinion/index_en.htm

http://www.gesis.org/en/eurobarometer/home/

https://www.woxx.lu/?p=7156

http://www.express.co.uk/comment/expresscomment/475721/It-s-even-a-no-from-the-EU-propaganda-machine

Höpner, Martin & Jurczyk, Bojan (2012). Kritik des Eurobarometers. Über die Verwischung der Grenze zwischen seriöser Demoskopie und interessengeleiteter Propaganda. Leviathan 40(3): 326-349.

Nissen, Sylke (2012). Beobachtung oder Intervention. Das Eurobarometer im Prozess der Europäischen Integration. Universität Leipzig: Serie Europa – Europe Series No.4/2012.

Pausch, Markus (2008). Die Eurobarometermacher auf der Zauberinsel. Konstruktion einer europäischen öffentlichen Meinung durch Umfrageforschung. SWS-Rundschau 48(3): 356-361.

http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20061123_OTS0166/moelzer-kommission-missbraucht-eurobarometer-umfragen-als-propaganda-instrument

http://sciencefiles.org/?s=Eu+Austritt

http://sciencefiles.org/2015/05/28/grose-umfrage-deutsche-wollen-die-europaische-union-verlassen/

http://sciencefiles.org/2012/11/08/europaische-meinungsmacher-ii-manipulieren-scheint-in-der-eu-kommission-an-der-tagesordnung-zu-sein/

http://sciencefiles.org/2013/09/23/wahl-nachbetrachtung-i-die-akkuratheit-unseres-sciencefiles-fuzzy-wahlprognostik-tool/