Der Countdown läuft an: Negativzinsen … Bargeldverbot … Bondcrash … Kreditverweigerung … Zündung

5. Mai 2015 von Niki Vogt
(2 votes, average: 5,00 out of 5)
Loading...

05. Mai 2015 (Kommentar von Niki Vogt) Die einen (und das ist immer noch die Mehrheit) merken garnichts und die anderen geraten langsam in Panik. Die Zentralbanken sinnieren offen über Bargeldverbot herum, um einen Bankrun der Kunden wegen Negativzinsen zu verhindern, und seitdem läuft eine Kaskade von Ereignissen, über die die Qualitätsmedien äußerst schmallippig berichten, die aber für jeden mit drei lebendigen Gehirnzellen verdächtig nach Countdown zum Crash aussieht.

Die gute Nachricht daran: Es wird tröstlicherweise offenbar, daß die Herren des fiktiven Geldes keineswegs eine meisterhaft, lang ersonnene und mit nichts abzuwendende Agenda durchziehen. Die Folgen der Schuldenpolitik konnten zwar jahrelang mit Gelddrucken, Gewurstel und Notoperationen irgendwie noch eingedämmt werden. Nun aber kommt der ganze Hang, auf dem die Paläste des Fiat Money stehen, so langsam ins Rutschen.

Weil die Staatsverschuldungen und die Bankbilanzen auf weiter Flur ein zum Himmel schreiendes Desaster sind, fällt dem System nichts anderes ein, als über Jahre stetig die Zinsen zu senken. Kann man praktisch zinsfrei Schulden machen, drückt die Last nicht so sehr, das versteht schon Klein-Fritzchen. Und die Rückzahlungen erledigt man mit neuen Kreditaufnahmen. Das nennt man in Fachkreisen dezent „Roll-over“. So kann man das Staatsbankrott-Domino theoretisch sehr lange hinauszögern. Allerdings nimmt das Interesse der privaten Investoren direkt proportional mit dem Zinssatz ab. Bisher konnte die EU und ihre Mitgliedsstaaten noch immer Geld durch Staatsanleihen generieren, weil für die Herde der Bond-Investoren eine nur wenig verlockende Auswahl im Schaufenster lag.

So lange Deutschland in der EU dals die Wirtschaftslokomotive galt und als letzter Bürge für Pleitekandidaten wie Griechenland, parkte man die Milliarden nolens-volens im Euroraum. Immerhin bekam man dort sein Geld zurück. Nur hochriskante Anlagen versprachen noch einen ordentlichen Ertrag. In den USA ist es ein offenes Geheimnis, daß die Fed mangels echter Investoren schon seit geraumer Zeit der Hauptankäufer von US-Staatsanleihen ist. Die USA gehören de facto der Fed. Sie haben das ganze Land mit selbst gedrucktem Geld gekauft.

Auch die Banken liegen schon lang auf der monetären Intensivstation. Die „Streßtests“, die fast alle bestanden – und selbst da schaffen es einige Institute noch durchzufallen – sind bekanntermaßen eine Farce. Sie erinnern irgendwie an die Einstufung „KV – Kriegsverwendungsfähig“ kurz vor 1945, wo selbst der Opa im Rollstuhl noch zum Volkssturm eingezogen wurde. Das Problem der Banken: Die Pferde saufen nicht mehr. Die „Verbraucher“ nehmen kein Kredite mehr auf, trotz historisch niedriger Zinsen, und sie hamstern das Geld auf den Sparbüchern – trotz niedriger Zinsen, weil sie alle spüren, daß die Welt allen Sirenengesängen zum Trotze nicht eine Heile ist. Daß da etwas Großes und sehr Unangenehmes auf uns zu kommt. Wie die Meisten von uns mittlerweile wissen, entsteht das Giralgeld durch Schulden. Wenn der Verbraucher aber keine Schulden machen will, hat die Bank ein Problem. Denn sie braucht die Zinsen und die Geldschöpfung. Die Spargröschelchen der Bürger, für die sie auch noch bezahlen muß, braucht sie nicht wirklich. Kredite auszugeben und im globalen Finanzcasino zu zocken ist viel eleganter. Und das, was eigentlich nur noch Schrott ist, kann man sogar in Milliardenhöhe viel leichter in den Bilanzen verstecken als die ausfallenden Hypothekenzahlungen von ein Paarzigtausend des Herrn Meier.

Das Finanzcasino verselbständigte sich immer mehr. Eigentlich waren die echten Menschen und realen Volkswirtschaften fast nicht mehr nötig dazu. Fast. Denn am Ende, darüber sind sie sich alle einig, zahlen die echten Menschen die gesamte Party.

Jetzt aber scheint die Hütte zu brennen. Man sieht sich gezwungen, bis zum Sommer negative Zinsen in der EU einzuführen. Negative Zinsen heißt: Wer in der EU Staatsanleihen kauft oder Geld anlegt, muß auch noch dafür bezahlen. Immerhin reicht die Phantasie der Banker noch soweit, daß sie sich denken können, was dann geschieht: Die Leute rennen zur Bank und holen ihr Geld. Um das zu verhindern, planen die Chefstrategen in den Bankhäusern und der EZB, das Bargeld vollends abzuschaffen. Denn gibt’s kein Bargeld, gibt’s keinen Bankrun. Daß das so nicht einfach funktionieren wird, dämmert den Herren wohl nicht in seiner gesamten Tragweite – oder sie haben keine andere Wahl mehr und stehen vor dem Abgrund.

Die Kunde von den negativen Zinsen wird dem Durchschnittsbürger zwar weitgehend vorenthalten, zog aber sofort Kreise in der Finanzwelt. Auf dem Markt für Staatsanleihen machte sich Nervosität breit. Auch noch Geld mitbringen für Staatsanleihen? Nicht wirklich, oder? Das echte Desaster ist aber dabei, daß die Maßnahme der Negativzinsen eben eine verzweifelte ist. Das läßt Rückschlüsse auf das Stadium des Verfalls des Systems EU zu. Und auf sowas reagieren Anleger äußerst sensibel. „Kapital ist ein scheues Reh“ heißt es in Finanzkreisen. Wer mit Ankündigungen laut im Wald rumballert, wird das Reh nicht mehr vor die Flinte bekommen. Und genau so kam es auch.

Die Staatsanleihen im Euroraum konnten plötzlich kaum noch an den Mann gebracht werden. Das schöne „Roll-over“-Spielchen kam ins Stocken. Nur leiderleider können die Staaten nicht mit einem düpierten „dann eben nicht!“ ihre Anleihepapiere nehmen und erhobenen Hauptes von dannen schreiten. Sie brauchen die Kredite. Sie müssen höhere Zinsen bieten. Das sieht zwar recht harmlos aus, bei einem Zinssatz von nahe Null scheint auch eine Verdoppelung nicht viel zu sein. entscheidend ist aber die Steigerungsrate. Und die betrug bei „Bunds“, also deutschen Staatsanleihen 200%. Da geht trötend und blinkend die rote Lampe an. Das Wort vom „Flash-Crash“ machte die Runde.

Schon zündet die nächste Stufe: Der IWF sieht dem endlosen Schuldendebakel in Griechenland nicht weiter zu. Frau Lagarde fordert, daß entweder die europäischen Steuerzahler für Griechenland jetzt wirklich zur Kasse gebeten werden, oder es müßten noch drakonischere Kürzungen der Sozialausgaben in Griechenland erzwungen werden. Das Gespenst vom „Schuldenschnitt“ Griechenlands erhöht die Unlust der Investoren, noch weiter Geld in die Eurozone zu versenken. Spanien und Italien werden, da sie auch nicht allzuweit vom griechischen Pleitevirus entfernt sind, gleich mit angesteckt: Die Zinsen, die bezahlt werden müssen, um noch Staatsanleihen auf dem Markt unterbringen zu können, steigen rapide. Die Investoren fliehen auf breiter Front. Kredite werden rar. Soviel zu dem genialen Plan, Negativzinsen auf europäische Staatsanleihen einzuführen.

Der Grund liegt einfach darin, daß die berühmten „privaten Anleger“ aus Großinvestoren und Anlagefonds bestehen, denen Privatpersonen ihr Geld anvertrauen und dafür Renditen erwarten. Diesen Kunden, die weltweit investieren, kann so ein Fond nicht erklären, daß sie statt Gewinnen sichere Verluste machen werden. Große Versicherungskonzerne wie die Allianz oder Pensionskassen müssen Gewinne mit den eingezahlten Beiträgen erwirtschaften, sonst ist das gesamte Geschäftsmodell sehr schnell obsolet. Man flieht in freundlichere Gefilde.

Dazu kommt, daß das Vertrauen in die Krisenbewältigungsprogramme der EZB durch die Negativzinsen-Verlautbarung anscheinend einen schweren Schlag erlitten hat:

„Peter Jolly von der National Australia Bank sagt, dass es eine Illusion sei, zu glauben, das Ankaufprogramm der EZB habe eine automatische Wirkung auf die Staatsanleihen. Offenbar hat nämlich in der Investment-Community nun das Misstrauen gegenüber der EZB überhand genommen. Der Grund: Die Anleger erwarten negative Zinsen auf breiter Front, einzelne Extrem-Szenarien halten sogar Negativ-Zinsen von 5 Prozent für möglich. Diese Entwicklung würde auch die Staatsanleihen treffen, weil sie, im Grund wie das Bargeld, als sichere Anlage gelten.“ schreiben die Deutschen-Wirtschafts-Nachrichten.

Das geht noch weiter: Die Investoren überlegen laut, sich aus den europäischen Staatsanleihen vollkommen herauszuziehen, und sich stattdessen bei den in Europa angesetzten Nullzinsen für Kredite große Summen zu leihen, um dieses Geld anderswo mit Zinserträgen  – zum Beispiel in Treasury Bonds (US-Staatsanleihen) – zu investieren. Ein gigantischer Geldfluß aus Europa nach USA wäre die Folge.

Schlimmer kann man sich kaum noch ins eigene Knie schießen.

Soviel zu den Meisterstrategen der Finanzwelt in EU und EZB.

Das läßt den Schluß zu, daß dieses ganze Gewurstel entweder auf Inkompetenz der Macher an den Schalthebeln schließen läßt, oder/zudem auf Ausweglosigkeit. Aber ob Dummheit oder Not: Solche blind-erratischen Hauruck-Aktionen sind ein deutlichen Alarmzeichen, daß das Ende der EU in ihrer jetzigen Form nicht mehr weit sein kann. Der Euro wird das nicht auf Dauer überleben, der Countdown läuft anscheinend. Selbst, wenn dieses Feuer wieder irgendwie erstickt werden kann, der Brand schwelt überall im Gebälk und kann jederzeit in offene Flammen ausbrechen.

Wer wach ist, sollte seine Krisenvorbereitungen überprüfen. Vorräte, Heizmöglichkeiten, Strom-Abhängigkeit reduzieren, Sicherheit, Edelmetalle, Sachwerte. Bitte die Gurte anlegen, es könnte bald holprig werden.